Amesberger: „Das Geld wirkt massiv!“


Günter Amesberger über hohe Gagen, Dauerbelastung und Psychohygiene im Spitzensport.

Amesberger: „Das Geld wirkt massiv!“ Günther Amesberger bei einem Foto-Termin des ÖFB im Rahmen der EURO 2008.

Es war das größte Sportereignis der letzten Jahrzehnte in Österreich. Es sollte das ganz große Fußball-Highlight in Rot-Weiß-Rot werden. Fußball-CDs wurden aufgenommen, eigene TV-Formate ins Leben gerufen. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz bekam zum ersten Mal in der Geschichte ein österreichisches Nationalteam die Möglichkeit, an einer EM-Endrunde teilzunehmen. Es war für die rot-weiß-rote Auswahl gleichzeitig die erste Endrunde seit 20 Jahren. Der Erwartungsdruck von Medien und Fans stieg kontinuierlich an. Günter Amesberger kümmerte sich damals um die Psyche von Spielern und Trainern beim ÖFB. Wir haben mit ihm über Druck im Spitzensport, die Rolle der hohen Gagen und die Versagensängste von Profisportlern gesprochen.

ServusTV: Herr Prof. Amesberger, zuletzt sorgten Per Mertesacker und Markus Babbel mit sehr ehrlichen Interviews für Aufregung. Beide thematisierten den immensen Druck, dem sie als Profis ausgesetzt waren. Wurde dieses Thema zu lange totgeschwiegen?

Günter Amesberger: Ich denke, intern ist das Thema schon länger bekannt. Aber man darf dabei nicht vergessen, in was für einer Konfliktsituation sich die Spieler befinden. Wenn ich aufgestellt werden will, darf ich nicht sagen, ich fühle mich mit der Drucksituation überfordert. Die Spieler müssen ständig zeigen, dass sie topfit und allzeit bereit sind. Mentale Stärke heißt aber nicht gleich psychische Gesundheit. Ständig große Drucksituationen aushalten zu müssen, kann zu psychosomatischen Belastungen führen – die Spieler mir gegenüber auch immer wieder artikuliert haben.

Man hört vielerorts, durch das Internet wäre der Druck auf prominente Personen weiter gestiegen. Markus Babbel erzählt von ähnlichen Drucksituationen wie Per Mertesacker – allerdings spricht Babbel da vom Jahr 1999. Was hat sich in den letzten 20 Jahren wirklich verändert?

Dieser Druck wurde von Spitzensportlern immer erlebt. Dass sich die Bedingungen durch die sozialen Medien verschärfen, davon ist sicher auszugehen – aber Druck an sich gab es schon immer.

Aus Ihrer Erfahrung: woher kommt der große Druck? Vom Trainer? Von den Spielern selbst? Oder von den Medien und der Öffentlichkeit?

Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: es gibt eine Belastung für den Sportler, die sich aus den aufgezählten Faktoren zusammensetzt. Medien, Trainer, Mitspieler – sie alle haben eine bestimmte Erwartungshaltung. Die zweite Sache ist, wie ich das Ganze wahrnehme. Bis zu einem gewissen Grad wirken diese Erwartungshaltung und der daraus entstehende Leistungsdruck positiv, vor allem bei emotional belastbaren Personen. Oft kommt es dann aber dazu, dass die Situation kippt. Sportler haben gewisse Coping-Strategien zur Bewältigung von Stress, und wenn dieses Gebilde an Schutzmaßnahmen zusammenbricht, wird die Belastung überdimensional. Dann kommt es zu Aussagen wie von Per Mertesacker.

„Wenn Verletzungen als willkommene Auszeiten angesehen werden, sagt das schon viel aus.“

Nach dem Fall Enke forderten viele, die Öffentlichkeit solle aufwachen und endlich sensibler mit Profisportlern umgehen. Haben Sie seither eine signifikante Veränderung diesbezüglich feststellen können?

Medien kann ich schwer beurteilen, aber in der Betreuung bei den Klubs und Verbänden gibt es mittlerweile sicher einen differenzierten Blick auf das Thema. Man unterscheidet jetzt mehr, was kann man in Hinblick auf Leistungsmaximierung machen, und was kann man für die Psychohygiene machen. Den „klinischen“ Aspekten des Spitzensports wird heute mehr Bedeutung beigemessen als noch vor einigen Jahren.

Die beiden zuvor angesprochenen Spieler meinten, sie wären nach Niederlagen in wichtigen Spielen in der Champions League oder bei der WM einfach nur froh gewesen, dass es vorbei ist. Vor welchen konkreten Konsequenzen fürchten sich Spieler in solchen Fällen?

Was hier sichtbar wird, ist der Erschöpfungszustand, in dem sich die Spieler befunden haben. Der dauernde Stress erschöpft sie so sehr, dass sie einfach nicht mehr können. Da spielt es gar nicht so eine wichtige Rolle, welche Konsequenzen man fürchtet. Wenn man so will, ist es die Angst vor genau dem Szenario: nicht mehr zu können, zusammenzubrechen und sagen zu müssen: es geht nicht mehr. Deshalb hat Mertesacker ja auch gesagt, dass Verletzungen oft gar nicht so ungelegen gekommen sind – weil das die einzigen Verschnaufpausen sind. Ein Klient von mir sagte erst kürzlich zu mir: „Ich hab´ halt das Pech, dass ich noch nie verletzt war.“ Das sagt schon sehr viel aus.

„Dass Alkohol ein Problem im Fußball ist, weiß man mittlerweile.“

„Ich muss Leistung bringen, ich muss funktionieren.“ Hört man solche Sätze von Profis auch oder sogar vor allem aufgrund der exorbitant hohen Gehälter, die im Fußball bezahlt werden?

Das Geld wirkt ganz massiv. In keiner anderen Sportart habe ich das so extrem erlebt wie im Fußball. Die hohen Gagen machen ja etwas mit den Menschen – wenn ein Spieler in der U-21 ein Vielfaches von einem Durchschnittsbürger verdient, muss er das erst einmal verkraften. Wir lassen das auch in der Pädagogik einfließen, wenn wir mit jungen Sportlern arbeiten und sie auf die Karriere vorbereiten. Da ist der richtige Umgang mit Geld auch ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Viele Spieler, die sehr viel Geld verdient haben, verarmen danach, weil das Suchtpotential ja auch ein hohes Risiko bei Fußballern ist. Dass zum Beispiel Alkohol ein Problem im Fußball ist, weiß man ja mittlerweile.

Sie haben auch mit dem österreichischen Fußball-Nationalteam gearbeitet, unter anderem im Vorfeld der EM 2008. Welche Reize haben Sie in der täglichen Arbeit mit den Sportlern gesetzt, um ihnen die Angst vor dem Versagen zu nehmen?

Die Angst vor dem Versagen gehört natürlich dazu, ist aber nur ein Teil des ganzen Prozesses. Es geht auch zum Beispiel darum, zu lernen, mit Situationen umzugehen, in denen der Stress dann vorbei ist. Richtiges Erholen, richtiges Ablenken. Stress entsteht ja nicht zuletzt daraus, dass diese Regulationsmechanismen nicht mehr funktionieren. Mit verschiedenen kognitiven Strategien kann man dafür sorgen, dass der Sympathikus in Erholungsphasen nachlässt und sich der Sportler wirklich erholen kann. Da spreche ich aber nicht von Fernsehen oder sonstigem multimedialem Konsum – da glaubt man, sich zu entspannen, und setzt sich in Wahrheit noch zusätzlichem Stress aus.

Welche Rolle nimmt der Sportpsychologe in der Teamhierarchie ein, wenn er mit einer Mannschaft arbeitet?

Die größte Herausforderung liegt darin, dass man in Wahrheit 20 Individualisten und gleichzeitig ein Team zu betreuen hat. In erster Linie geht es um Fragen wie: Wie wird im Team kommuniziert? Wie wird geführt? Wie bringt man die Leistung des Einzelnen in eine Teamleistung mit ein? Gleichzeitig bräuchte wahrscheinlich jeder Spieler einen eigenen Betreuer, was natürlich nicht realistisch ist. Aber viele Spieler holen sich Hilfe außerhalb des Teams, um so besser betreut zu werden und natürlich auch einen gewissen persönlichen Vorteil zu haben. Wichtig ist, dass die Spieler wissen, dass der Sportpsychologe primär dafür da ist, das gesamte Team weiter zu bringen als nur den Einzelnen.

Im Fußball geht es einerseits darum, aus vielen Spielern eine funktionierende Einheit zu formen – andererseits verfolgt jeder seine eigenen Interessen. Persönliche Werbeverträge und individuelle Prämien fördern nicht gerade das Wir-Gefühl im Team. Wie geht man damit als Sportpsychologe um?

Das ist natürlich paradox, aber den Meisten ist schon bewusst, dass es keinen Teamgeist ohne Konkurrenzsituation geben kann. Da ist schon auch der Trainer stark gefordert, die Interessen der Einzelnen im Endeffekt auch in gemeinsame Interessen umzuwandeln. Wenn ich als Einzelner nur auf meinen Vorteil schaue, werde ich in einem Team schnell einmal die Mehrheit gegen mich aufbringen – außer ich habe so eine Ausnahmestellung und bin so unverzichtbar für die Mannschaft, dass alle auf mich angewiesen sind. Das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Interessen und Teamzielen und wie man das Ganze miteinander vereinbaren kann, ist aber natürlich auch für einen Sportpsychologen eine spannende Herausforderung, keine Frage.

Sie haben gesagt, Trainer sind in diesem Bereich stark gefordert. Betreuen Sie auch Trainer in Ihrer täglichen Arbeit?

Früher habe ich das in der täglichen Arbeit auch gemacht, ja. Mittlerweile sprechen wir solche Themen aber eher in der Trainerausbildung als in ihrem direkten Arbeitsumfeld an.

Interview: Johannes Dosek

TV-Tipp: Montag, 16. April, 21:15 Uhr: Bei Sport und Talk aus dem Hangar-7 diskutieren u.a. Thomas Morgenstern und Stephan Eberharter über Druck im Spitzensport.

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