Pflegekinder in Österreich


Es ist einer der massivsten Eingriffe, die Vater Staat vornehmen darf: wenn er entscheidet, Eltern ihre Kinder wegzunehmen. In Österreich leben 13.600 Kinder nicht bei ihren Eltern, sondern in Pflegefamilien oder Heimen. Dabei sollte die Abnahme des Kindes für die Sozialarbeiter der Jugendämter der letzte Ausweg sein. Dabei wird immer wieder der Vorwurf laut, die Jugendämter würden zu leichtfertig Familien auseinander reißen.

 

„Wir sind laut, wild und chaotisch“, sagt Manuela Durst und lacht. Dabei hält sie in jedem Arm ein Kind, ein großer und ein kleiner Hund buhlen zu ihren Füßen um ihre Aufmerksamkeit. Manuela Durst ist Krisenpflegemutter, d.h. sie betreut Kinder, die ihren leiblichen Eltern gerade abgenommen worden sind. Wegen Verwahrlosung, wegen Vernachlässigung oder noch Schlimmerem. 25 Kinder hat sie in den vergangenen vier Jahren betreut wie ihre eigenen. Und von jedem dieser Kinder musste sie wieder Abschied nehmen. Viele von ihnen ziehen in Langzeitpflegefamilien und sehen ihre Eltern – wenn überhaupt – nur mehr zu fest vereinbarten Besuchsterminen.
Dieses Zerbrechen von Familien frühzeitig zu verhindern, das hat sich der Verein Grow Together in Wien Meidling zum Ziel gesetzt. Grow Together betreut sogenannte Hochrisikofamilien, die sozial schwach sind, in denen es Suchtprobleme gibt oder in denen die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, ausreichend für die Kinder zu sorgen. Die Familien werden intensiv zu Hause und im Zentrum des Vereins betreut. Auftraggeber ist die Kinder- und Jugendhilfe. Das Programm ist die letzte Chance, die Kinder nicht zu verlieren.
Die Zahl jener Kinder, die nicht bei ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, steigt jedenfalls ständig. 13.600 Kinder sind in Österreich aktuell fremduntergebracht.
Die Arbeit des Jugendamts, das sich mittlerweile in „Kinder- und Jugendhilfe“ umbenannt hat, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Greifen die Sozialarbeiter zu früh ins Familienleben ein, wird dies immer wieder als Amtswillkür kritisiert. Handeln sie zu spät und ein Kind kommt zu Schaden, wird ihnen Versagen vorgeworfen. Sind die Sozialarbeiter überlastet? Haben die Jugendämter zu viel Macht?
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