Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek


literaTOUR-Moderator Alfred Komarek zeigt die Wohnung, in der seine Bücher entstehen und erklärt, warum Schreiben mit Leiden verbunden ist.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek literaTOUR-Moderator Alfred Komarek zeigt uns sein persönliches Reich.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek Komarek mit einer seiner Lieblingsplatten von Bob Dylan.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek In seiner „Höhle“ zieht sich der Moderator gerne mit einem guten Buch zurück.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek Komarek in seiner Bücherwelt.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek Ein Plakat an der Tür zum Wohnzimmer erinnert an einen Klavierabend.

Der ServusTV-Moderator ganz privat: Wohnungsführung bei Alfred Komarek Die lichtdurchflutete Wohnung ist Arbeits- und Erholungsort zugleich.

Eine Altbauwohnung in Wien-Alsergrund. Ehrwürdig abgetretene Stufen führen in eine der „Höhlen“ des Alfred Komarek, so nennt er seine Wohnsitze. Der Schriftsteller, Jahrgang 1945, hat Rückzugsorte im Weinviertel, im Salzkammergut – und eben hier in Wien. Vor fünf Jahrzehnten hat Krimiautor Komarek die Wiener Höhle bezogen. Damals war sie praktisch leer. Es gab nur ein Bett, einen Sessel. Wir gehen in sein Wohnzimmer, einen von vier quadratischen Räumen, die gemeinsam wieder ein Quadrat ergeben. Auf einem Couchtisch steht ein Karussell, wir sehen Radios und einen Berg Bücher, die vor einem Lehnsessel auf dem Boden liegen – die Abendlektüre des Schriftstellers. Durch eine zweiflügelige Türe sehen wir auf den Arbeitsplatz des Schriftstellers. Vor einem Fenster ein Computer. Rechts davon eine Espressomaschine. Damit er nicht aufstehen muss, wenn er schreibt. Keine Zweifel, diese Wohnung ist Heimat. Warum Alfred Komarek sie trotzdem eine „Folterkammer“ nennt? Das lesen Sie hier.

ServusTV: Üblicherweise heißt es „My Home Is My Castle“, bei Ihnen heißt’s „My Home Is My Höhle“. Eh dasselbe? Oder doch etwas ganz anderes?

Alfred Komarek: Etwas ganz anderes. Weniger kultiviert. Offenbar haben bei mir einige evolutionäre Sprünge nicht stattgefunden.

Was kennzeichnet Ihre Höhlen?

Die Geborgenheit.

Sie haben mehrere Höhlen. Wir sind hier in Wien, dann gibt es das Presshaus im Weinviertel und Ihr Elternhaus in Bad Aussee. Diese Wohnung in Wien haben Sie auch schon als „Folterkammer“ bezeichnet …

… wobei auch die Folterkammer nicht ungemütlich ist, sie hat nur etwas Eindeutiges. Da heißt es Arbeiten.

Im Weinkeller und in Aussee arbeiten Sie also nicht?


Nicht wirklich. Dort kann ich sehr gut nachdenken. Dort kann ich sehr gut Manuskripte bearbeiten. Aber wirklich arbeiten, also mit der Faust im Nacken, das funktioniert nur hier.

Gehören Sie zu denen, die Druck brauchen?

Ich schreibe eigentlich nur unter Druck, weil ich ein fauler Hund bin. Die Erhöhung des Leidensdruckes ist eines meiner Erfolgsrezepte. Ich setz mich dann hin, brav wie ein Beamter. Und leide halt. Oft dauert es ewig, bis ich einen gscheiten Anfang gefunden haben. Ich bin vom Erzählen her ein ziemlich musikalischer Mensch und brauche den Auftakt – erster Satz, erste Seite sind irrsinnig wichtig. Wenn ich fertig bin, bin ich völlig vertrottelt und nur mehr zum Geschirrabwaschen fähig.

Wissen Sie, wie ein Buch enden wird wenn Sie zu schreiben beginnen?

Ich brauche ein sehr genaues Konzept, weil ich ein sehr chaotischer Mensch bin. Ich denke auch nicht geradeaus. Dazu kommt, dass papierene Figuren irgendwann zu leben beginnen und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Die bekommen eine eigene Handlungsfähigkeit und machen Dinge, die ich überhaupt nicht will. Deshalb kann ein Buch auch ganz anders enden als geplant.

Wie haben Sie diese Wohnung eingerichtet?

Sie war leer war als ich eingezogen bin. Da war nur ein Sessel. Und ein Bett. Und diese Leere durfte ich anfüllen. Dann hat sich der Sammler durchgesetzt. Wobei – die Leute lachen immer, wenn ich sage, ich bin eigentlich kein Sammler, weil ich nicht der Vollständigkeit halber sammle. Ich habe nichts, weil ich es haben müsste, sondern alles, was irgendeine Geschichte erzählt, die ich spannend, berührend oder bereichernd find. Zum Beispiel das da (zeigt auch ein kleines Ringelspiel, das vor ihm auf dem Tisch steht). Das war einmal ein Trichtergrammophon. Und dann hat – offenbar in den 1950er-Jahren – ein Vater so überhaupt kein Geld für Geschenk gehabt und hat das Trichtergrammophon geopfert und ein Geschenk daraus gebastelt. Und so etwas ist einfach schön. Ach ja, ohne Radios funktionierten Höhlen nicht. Weil ich halt ein alter Radiomensch bin.

Wie geht richtig wohnen?

Für jeden anders. Andere brauchen Wohnungen, um etwas herzuzeigen, sich zu verwirklichen. Ich lebe einfach mit der Wohnung zusammen.

„Ich schreibe eigentlich nur unter Druck, weil ich ein fauler Hund bin.“

Wie lange schon?

Knappe 50 Jahre.

Ist das die Wohnung, für die Sie sich verschuldet haben?

Ja, ich habe sie gesehen und gewusst, dass ist meine.

Was hat Sie denn an dieser Wohnung so fasziniert?

Erst einmal die Räume. Sie sind groß genug, zwicken nicht unterm Arm, und die Lage ist fein. Sie ist im Ganzen ein Quadrat, in das weitere vier Quadrate eingebaut sind. Man kann in der Wohnung im Kreis gehen, was dem Arbeitsprozess dient. Das ist eine Wohnung, wo man Spuren hinterlässt.

Gibt es bei Ihnen so etwas wie Regelmäßigkeiten? Gehen Sie zur selben Zeit ins Bett? Oder ergibt sich das nach Laune?

Das Licht geht hier abends automatisch um zehn Uhr an. Das ist das Zeichen, dass ich alles fallen lassen und mich meinem Bücherhaufen widmen kann. Der Wecker läutet um sechs Uhr fünfundvierzig, um sieben stehe ich auf.

Wenn Sie ins Bett gehen …

… schlafe ich sofort ein. Ich sitz auch deshalb so lange, ungefähr bis Mitternacht, damit das leicht vonstatten geht.

Sie leben alleine? Brauchen Sie das?

Inzwischen brauche ich es. Ich fühle mich alleine pudelwohl. Es ist ja ein Riesenunterschied zwischen allein sein und einsam sein. Beziehungslos, ohne Freund und Freundinnen, ohne Menschen, die man gerne hat, geht es sicher nicht. Das wäre ein fürchterliches Leben.

Essen Sie zuhause oder gehen Sie aus?

Unterschiedlich. Ich koche sehr gerne. Nicht einmal schlecht. Das geht auch während des Schreibens gut. Ich kann die langwierigsten Gerichte kochen, weil jedes sein Tempo hat.

Brauchen Sie Bücher zum Wohnen?

Ja, die brauche ich. Weil jedes ordentliche Buch ein Fenster in eine Welt ist, als solches enorm wichtig. Bücher, von denen ich weiß, ich nehme sie kein zweites Mal in die Hand, stelle ich einfach vor die Türe, und weil das Haus ein sehr lesefreudiges Haus ist, verschwinden die wie von selbst.

Alfred Komarek vor seinem Bücherregal. Alfred Komarek vor seiner Bücherwand. Er weiß übrigens genau, wo jeder Band zu finden ist. Ganz oben auf dem Regal: Alte Radios, die er mit großer Begeisterung sammelt. Links im Vordergrund ein Wurlitzer, den er – wie er bedauernd sagt –, allerdings viel zu selten nutzt.

Welche Bücher brauchen Sie?

Alle, die mir etwas zu erzählen haben, mich belustigen; Bücher aus denen ich etwas lerne – es muss ein Funke überspringen.

Woran erkennen Sie, ob ein Buch Qualität hat?

Ich komme vom Handwerk. Das allererste, was ich mich bei einem Buch frage, ist, versteht der Mensch sein Handwerk? Oder hält er den Hammer verkehrt. Und ich muss auch einen persönlichen Zugang finden. Es gibt Bücher, die imponieren mir gewaltig, aber ich würde sie nie freiwillig lesen.

Verstehen Sie sich als Kritiker?

Keinesfalls. Ich sehe mich als interessierter Leser, nicht einmal als Kollege. Als Kollege wären wir schon wieder in einer Konkur-renzsituation und in die will ich nicht hinein.

Warum haben Sie beschlossen, vom Schreiben zu leben?

Ich habe das sehr früh meinem Vater gesagt. Und das war ein sehr gescheiter und toleranter Mensch, der hat gesagt: lieber Sohn, wäre ich auch gerne, aber ich kenne nur sieben, acht Leute, die davon leben können, überleg’ dir vielleicht noch einen Beruf. Das habe ich eingesehen. Jus, habe ich mir gedacht, interessiert mich eigentlich schon und dann habe ich bis zur zweiten Staatsprüfung Jus studiert. Dann ist die Radioreform gekommen. Das war einer der großen Glücksfälle, wo man auf einmal viele Schreiber gebraucht hat. Sonst wäre ich heute kein Schriftsteller. Da habe ich plötzlich so viel verdient, dass ich gesagt habe, ich kann es riskieren.

In ihren Höhlen, behaupten Sie, würden Sie „zahlreichen Lastern“ huldigen. Welchen?

Werd ich nicht kundtun. Die erlaubten Laster kann man kundtun, die gesellschaftstauglichen – das ist der hemmungslose Müßiggang …

… der ist gesellschaftstauglich?

Für mich schon. Ohne Müßiggang gibt es keine Anspannung. Und die vielzitierte Life-Work-Balance funktioniert nur, wenn es leise neben laut, schnell neben langsam und angestrengt neben entspannt gibt. Ich kann mich sehr gut entspannen und kann auch sehr gut abschalten. Ich kann mit großem Behagen nichts tun. Ich habe sehr viel Spielzeug um mich herum. Wie ich damit spiele und was ich damit aufführ’, wollen wir dahingestellt lassen. In meinem Weinviertler Keller gibt es im Löss eine Nische, wo ein Donaldcranium mit Kerze darin steht.

Und da gehen Sie dann vor Donald Duck auf die Knie und beten ihn an?

Nein, er ist ja kein Gott. Er ist ein geborener Verlierer, dessen Größe darin besteht, dass er das aushält und nicht daran zerbricht. So einen betet man nicht an, den umarmt man höchstens brüderlich.

Ich sehe Bilder, Fotografien – haben sie alle Bedeutung? Oder sind sie nur Dekoration? Die beiden Schwarz-Weiß Bilder zum Beispiel.

Das sind Dokumente meiner Zusammenarbeit mit Ernst Hilger, der gleichnamigen Galerie. Von Fronius (Hans Fronius, 1903–1988), keine Originale. Sie verbinden mich mit Situationen, die ich kenne – so wie dem, der am Zusammenbrechen ist, was seine Katze ziemlich beunruhigt, ist es mir auch schon gegangen.

Warum? Was war da?

Ich hab einfach nicht mehr können. Ich habe kein Geld gehabt. Nichts zu essen. War auch sonst ziemlich verlottert. In dieser Riesenwohnung. Mit meiner Katze, die war die einzige, die wohlgenährt war.

Ist es Ihnen wirklich so schlecht gegangen?

Als ich hier eingezogen bin, bin ich ein Jahr ziemlich neben den Schuhen gegangen. Weil die Karriere am falschen Ende angefangen hat. Das war mein eigener Fehler. Und bis ich diesen Fehler wieder repariert habe, sind eineinhalb Jahre vergangen. Und dazwischen habe ich nur geschaut, dass ich irgendwie durchs Leben komm.

Alfred Komarek an seinem Schreibpult. Alfred Komarek an seinem Schreibpult. Er schreibt tatsächlich mit Feder (das Tintenfass stets griffbereit) – vor allem erste Sätze bringt er gerne damit zu Papier.

Schreiben Sie tatsächlich mit Feder und Tusche?

Mir war es gegönnt, die ganze Geschichte des Schreibens mitzuerleben. Ich habe angefangen mit Feder und Tintenfassl und habe dann eine Thermoschreibmaschine gehabt.

Womit schreiben Sie am liebsten?

Mit einer Füllfeder.

Können Sie Ihre Schrift lesen?

Nein.

Warum tun Sie’s dann?

Weil es nicht viel ist, und weil ich mich dann bemühe doch so zu schreiben, dass ich es lesen kann.

Aber Bücher schreiben Sie nicht damit?

Nein.

Was dann?

Erste Sätze zum Beispiel. Ich habe auch ein Schreibpult. Und da gehe ich im Kreis und dann schreibe ich wieder. Ich habe auch Schreibmaschinengeräusche am Computer. Dazu kommt, dass ich ein unglückseliger optischer Mensch bin, der Dinge kauft weil sie unwiderstehlich schön sind oder Stil haben. Auf Prestigeobjekte bin ich überhaupt nicht aus. Ich schau dann auch nicht aufs Geld, wenn es ein wirklich schönes Stück ist.

Können Sie sich alles leisten, was Sie wollen?

Nein. Das wär auch ein unglückseliger Zustand. Ich bin auch ein bissl geizig, auch in der Verschwendung. Der Lustgewinn muss in etwa dem Preis entsprechen, der kann höchst unvernünftig sein, der Lustgewinn – das sieht man übrigens an meinem neuen Auto.

Das wäre?

Ein Fiat Spider. Ich hab so eine Freude damit. Ich komme in würdiger Haltung raus und rein, man sitzt sehr bequem drinnen und es gibt ja auch einen Heckgepäckträger, den habe ich auch, das ist ein Akt purer Unvernunft.

Haben Sie einen Lieblingsplatz beim Schreiben?

Das Pult, das liebe ich auch sehr. Das ist ein Reiseschreibpult, aus dem 19. Jahrhundert. Ein Laptop, sozusagen. Hard-, Software alles dran, es gibt auch eine Uhr und sogar ein Geheimfach.

Wann haben Sie sich selbst als Schriftsteller bezeichnet?

Eigentlich schon in der Mittelschule. Da habe ich schon gewusst, das ist meine Art, mich auszudrücken.

Was ist denn diese goldene Statuette?

Das ist die Romy, für bestes Drehbuch.

Die steht immer da?

Ja, weil am Klo kein Platz mehr ist.

Warum haben Sie Ihre Auszeichnungen in der Toilette?

Naja, wenn ich dort bin, gehöre ich ganz mir.

Interview: Wolfgang Wieser

TV-Tipp: Für die Sendung literaTOUR fährt Alfred Komarek in einem alten roten Bus, dem so genannten Bücherbus, durchs Land und präsentiert jeden zweiten Donnerstag Abend bei ServusTV die spannendsten Werke und interessantesten Autoren.

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