Kolumne: Messners „Philosophikum“


Der Ausnahme-Alpinist über die Ursprünge der Seilsicherung – und den Streit um die Verwendung künstlicher Hilfsmittel in den Bergen.

Kolumne: Messners „Philosophikum“ Reinhold Messner stand als erster Mensch auf allen 14 Achttausendern der Erde. Heute ist er unter anderem als Buchautor erfolgreich.

Am 26. Juli 1885 erreichen Ludwig Purtscheller und die Brüder Emil und Otto Zsigmondy den Grand Pic, mit 3.983 Metern der höchste Gipfel des Meije-Massivs in den französischen Dauphiné-Alpen. Sie stiegen von Norden auf, über den Pic Central und den Ostgrat. Eine herausragende Leistung der österreichischen Bergsteiger.

Nur wenige Tage später, am 6. August 1885, beim Versuch, diesen Grand Pic über die Südwand zu erreichen, stürzt Emil Zsigmondy zu Tode – weil das Seil, das ihn mit den tiefer stehenden Gefährten verbindet, reißt. Auf dem nahe gelegenen Friedhof von Saint-Christophe im Vénéon-Tal befindet sich sein Grab. Das Geschick, die Kraft und der Mut Emil Zsigmondys werden zur Legende.

„Die Tagebücher der Zsigmondy-Brüder sind mir zum Kauf angeboten worden.“
Die gewaltigen Südabstürze der Meije erinnern bis heute an den noch jungen Akademiker, der zu den besten Alpinisten seiner Zeit zählte und als Intellektueller brillante Aussagen zum führerlosen Alpinismus hinterlassen hat. Daran muss ich denken, wenn ich die Tagebücher der Zsigmondy-Brüder in den Händen halte. Sie sind mir im Rahmen meiner Museumsarbeit zum Kauf angeboten worden.

Im Paket mit den zigarettenschachtelgroßen, vollgekritzelten Notizbüchern steckte auch ein Eisenstift und ein Mauerhaken, wie sie am Beginn der Seilsicherung benutzt wurden. Hat ihn Emil am Grand Pic benutzt? Wir wissen es nicht.

Der Auslöser historischer Debatten: Ein gewöhnlicher Mauerhaken, wie ihn Emil Zsigmondy verwendete. Er ist im Messner Mountain Museum von Corones ausgestellt.Der Auslöser historischer Debatten: Ein gewöhnlicher Mauerhaken, wie ihn Emil Zsigmondy verwendete. Er ist im Messner Mountain Museum von Corones ausgestellt.

Diese erste Art Mauerhaken kam aus dem Bauwesen und wurde ins Felsklettern übernommen. Man schlug die Stifte in Felsrisse und ließ – vor allem bei Quergängen – das Seil darüber laufen. Ähnlich wie es Bergführer von Anfang an gemacht haben, wenn sie zur Zwischensicherung das Seil hinter Felsvorsprüngen laufen ließen, um im Notfall einen Sturz vom Seilzweiten abbremsbar zu machen.

Zu meinem 70. Geburtstag schenkte mir der Salzburger Kletterer Albert Precht genau so einen geschmiedeten Haken. Er hatte ihn in der Trisselwand, die steil über Altaussee aufragt, gefunden, und er war zweifellos von Paul Preuß geschlagen worden.

Jetzt endlich verstand ich, warum wir die Auseinandersetzung von 1911 über die „Verwendung künstlicher Hilfsmittel auf Hochtouren“ heute „Mauerhakenstreit“ nennen. Es waren wirklich Mauerhaken, um die sich Tita Piaz, Hans Dülfer und Franz Nieberl mit Paul Preuß stritten. Zsigmondy wäre, wenn damals noch am Leben, auf Preuß’ Seite gewesen, also ein Gegner technischer Hilfsmittel beim Klettern. Obwohl beide ihre Mauerhaken als Notbehelf mitgeführt hatten.

Genau so sah es auch Albert Frederick Mummery, der beste britische Bergsteiger seiner Zeit. Mummery und Zsigmondy waren Brüder im Geiste. Beide waren leidenschaftliche Bergsteiger und begeisterte Kletterer. Mit ihnen reifte ein neuer Zugang zum Berg: Das Klettern um des Kletterns willen.

Beide lösten sich von ihren Bergführern, um „führerlos“, „by fair means“, zu steigen. Eigenverantwortung, schwierigste Wege und die Beschränkung bei den Hilfsmitteln standen im Mittelpunkt ihrer Ethik. Mummery setzte diese Einstellung in den Westalpen durch, Zsigmondy in den Dolomiten und im Dauphiné.

„Jetzt endlich verstand ich den ‚Mauerhakenstreit‘“

Es kam ihnen weniger darauf an, wie „schwierig“ sie kletterten, als vielmehr, wie weit sie sich exponierten. Die Grenze zwischen ganzem Einsatz und Tod, zwischen Selbstverschwendung und Selbstvernichtung ist beim Freiklettern also schmal. Weil das alle wissen, fand dieses Tun in seiner exzessiven Form so viel Bewunderung. Jede Klettertour ist einzigartig, die Erfahrung nicht wiederholbar. Mummery und Zsigmondy haben es erlebt, beide sind weitergeklettert – beide bis zum tragischen Ende.

Mummery, der 1895 am Nanga Parbat umkam, meinte: „Wir hatten im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass alle, die die wahre Freude am Bergsteigen genießen wollen, ganz allein auf ihre eigene Geschicklichkeit und Kenntnisse angewiesen sein sollen.“ Mummery und Zsigmondy kletterten und dachten wie kein Bergsteiger vor ihnen – das Mittelmaß in der Szene war ihnen suspekt, sie wurden zu Pionieren einer neuen Kletterzeit.

Zsigmondy wird folgendermaßen zitiert: „Man lernt, mit unbeugsamer Energie ein gefasstes Ziel festzuhalten. Das Hochgebirge besitzt einen ewigen Reiz, welcher jeden umstrickt, der seine Schwierigkeiten und Gefahren erkannt und ihnen fest ins Auge geblickt hat.“

Deshalb wurde jene Sicherungstechnik entwickelt, die dem Seilzweiten zugute kam. Vor allem von Zsigmondy: „Oft ist ein geeigneter Vorsprung vorhanden, um den das Seil gelegt werden kann, was das Halten erleichtert, weil damit der Zug (Fangstoß) bedeutend abgeschwächt wird.“ Und wenn kein passender Vorsprung zu finden war? Vielleicht tat’s ein Mauerhaken, über den das Seil lief. Wir wissen es nicht...

Reinhold Messner schreibt im Magazin Bergwelten regelmäßig die Kolumne Messners Philosophikum. Dieser Text ist daraus entnommen. Bergwelten ist erhältlich im Zeitschriftenhandel oder direkt in unserem Abo-Shop.

TV-Tipp: Ausnahme-Alpinisten und ihre atemberaubenden Erlebnisse in der Sendereihe Bergwelten – jeden Montag Abend um 20:15 Uhr bei ServusTV.

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