Harald Nachförg erinnert sich in seiner Kolumne an das in den 70er Jahren beliebte Fell am Kopf.

Servus-Autor Harald Nachförg (Illustration: Roland Vorlaufen)

Harald Nachförg erzählt in seiner monatlichen Kolumne in Servus in Stadt & Land von den nicht ganz so kleinen und nicht allzu großen Dingen des Alltags in den 1960er- und 1970er-Jahren. Wir schätzen aber nicht nur seine edle Feder. Wir lauschen auch zu gerne seiner edlen Stimme.
Illustration: Roland Vorlaufer

Wissen Sie, wer der Mensch mit dem breitesten Stimmumfang der Welt ist? Ich wäre da nie draufgekommen, bin aber ein großer Freund von Wissen, das gemeinhin als unnütz gilt. Ich sauge es auf und weiß jetzt zum Beispiel, dass das Quaken einer Ente kein Echo erzeugt. Oder dass ein Mensch etwa 84 Millionen Mal im Jahr zwinkert. Oder dass das längste deutsche Wort, in dem kein Buchstabe zweimal vorkommt, „Heizölrückstoßabdämpfung“ ist.

Ja und nun erfuhr ich, dass der Mann, der die einzigartige Stimmbreite von viereinhalb Oktaven besaß, Ivan Rebroff war. Der konnte sich vom tiefsten Bass in die schrillste Falsettlage hinaufschrauben. Sein Publikum tobte dann vor Begeisterung, und auch die Eltern, der Opa und die Oma waren tief beeindruckt, wenn sie vor dem Fernseher saßen und ihn in der „Peter Alexander Show“, bei der Anneliese Rothenberger oder sonst einer der großen Samstagabendgalas hörten. Mich faszinierte der Zwei-Meter-Riese zwar ebenso, doch mehr wegen seines Kosakenkostüms und der mächtigen Fellmütze. Dass auch ich eines Tages so ein Ungetüm tragen sollte, hätte ich mir im Traum nicht gedacht.

Doch dann, Anfang der 1970er-Jahre, war ich dazu verdammt. Wie übrigens alle meiner Freunde damals. Wir etwa Dreizehnjährigen fanden das Teil zwar überhaupt nicht lässig, wurden aber insofern zwangsbeglückt, als Pelzmützen bei unseren Vätern plötzlich der letzte Schrei waren und wir ihnen offenbar modisch um nichts nachstehen sollten.

Hören Sie hier Harald Nachförg im Gespräch mit Hut-Unternehmer Leo Nagy

Warum sie diese Kopfbedeckung so heiß fanden, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht ermöglichten ihnen die Dinger einfach nur, endlich der Haarpracht ihrer Frauen etwas entgegenzusetzen. Die toupierten sich ja seinerzeit waghalsige Türme auf oder steckten sich künstliche Haarteile in die Frisur, nur um noch mehr Mähne zu zeigen. Für den licht oder gar schon kahl gewordenen Mann hätte da so eine voluminöse Fellmütze etwas von Gleichberechtigung gehabt. Aber so einfach war die Sache nicht. Schließlich hatten sie auch Wuschelköpfe auf.

Egal, jedenfalls verbreiteten sich die Mützen auch in unserem Dorf schnell wie Schnupfenviren. Anfangs merkte man das noch nicht. Dass die Frauen, zumindest die vom Arzt, vom Apotheker und vom Metzger, Pelzmützen trugen, wenn es kalt wurde, war normal. Dass aber plötzlich sogar der alte Edi, der Tankwart, eine aufhatte, sorgte doch für Verwunderung. Mitunter sogar für Neid. Und schon fuhr der Nächste in die Stadt, um eine zu kaufen. Es dauerte nicht lang, da sah man kaum mehr Hüte im Dorf. Man wähnte sich in Russland, wenngleich bei uns einer genauso wenig Russe war wie der in Berlin geborene Rebroff. Aber das störte ja nicht. Stolz wurden Mützen aller Art zur Schau gestellt. Wuchtige, die den Träger als Schrumpfkopf erscheinen ließen, ebenso wie knappe Modelle, die aussahen wie ein sitzen gebliebener Gugelhupf. Man stülpte sich Gekräuseltes à la Persianer über oder Flauschiges, wie ein mit Federn ausgelegter Adlerhorst. Welches Exemplar man auch präferierte, eines durfte man auf keinen Fall: die Ohrenschützer runterklappen.

Da wäre man wie ein Trottel dagestanden. Als cool galt das erst Jahrzehnte später, im Jahr 1996, als die Polizeichefin Marge im Kultfilm „Fargo“ es so machte und der Pelzmütze zu einem kurzen, heftigen Revival verhalf. Dazwischen war das Ding ebenso plötzlich wieder verschwunden, wie es gekommen war. Man sah die Kopfbedeckung nur mehr vereinzelt. An Auslandskorrespondenten des Fernsehens in Moskau zum Beispiel. Gut, dort ist es auch bitterkalt im Winter. Am 17. Januar 1941 zum Beispiel wurde mit minus 42 Grad der bis heute gültige Rekordwert gemessen. So viel also zur Pelzmütze, zu Ivan Rebroff und unnötigem Wissen.

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„Kannst dich noch erinnern?“: Eine vergnügliche Reise in Kindheit und Jugend: Servus-Autor Harald Nachförg hat diese federleicht, mit viel Witz und Liebe zum Detail erzählt; erschienen im Servus Verlag.

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