Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die Kalte Sophie.
Die Eisheiligen prägen bis heute das Leben von Bauern und Gärtnern. Was hinter den jahrhundertealten Regeln steckt und warum der Mai meist erst zehn Tage später kalt wird.

In einer alten Bauernregel heiĂźt es: „Der Mai, zum Wonnemonat erkoren, hat den Reif noch hinter den Ohren.“ Wie wahr. Seit Jahrhunderten gelten die Tage vom 11. bis zum 15. Mai als eine Periode, in der der Winter noch einmal zurĂĽckschlägt – mit Temperatur­stĂĽrzen, eisigen Winden und in der Folge auch Bodenfrost.

MamertusPankratiusServatiusBoni­fatius und Sophie heiĂźen die Tage nach jenen Schutzheiligen, deren Namenstage in dieser Zeit begangen werden. Sie waren wundertätige Bischöfe und Märtyrer des frĂĽhen Christentums. Mit den ihnen zugeschriebenen Wettereigenschaften hatten sie aber gar nichts zu tun, obwohl ihr religiöses Wirken im Vergleich zum nachgesagten meteorologischen später immer mehr in den Hintergrund trat.

Die Regeln der Bauern

Dut­zende Bauernregeln sind um sie herum ent­standen. Mit allerlei MaĂźnahmen versuchten die Menschen, an den Eisheiligen­-Tagen drohende Frostschäden zu verhindern. So entzĂĽndeten etwa Obst-­ und Weinbauern beim â€žReifheizen“ feuchtes Laub und Holz, um mit dem dadurch entstehenden Rauch bereits blĂĽhende Nutzpflanzen vor dem Erfrieren zu schĂĽtzen.

Wer sein Schaf schert vor Servaz, dem ist die Wolle lieber als das Schaf.

Bauernregel

Bis heute gelten die Eisheiligen auch in anderen Bereichen als StichtageAlmauf­triebe finden häufig erst nach dem 15. Mai statt; Igelstationen raten, die stacheligen SchĂĽtzlinge erst nach der Kalten Sophie in die Freiheit zu entlassen; Schafe sollen ebenfalls nicht vorher von ihrer Wolle be­freit werden.

Die goldenen Gärtnerweisheiten

Und die Liste jener Pflanzen, bei denen man lieber auf Nummer sicher geht, ist fĂĽr viele Gärtner – ob professionell oder nur des Hobbys wegen – immer noch in Stein gemeiĂźelt: Vor allem GurkenTomatenBohnen und empfindliche Kräuter wie Ba­silikum dĂĽrfen demnach erst nach den Eisheiligen keimen oder ungeschĂĽtzt ins Frei­land ĂĽbersiedeln. 

Pankratius hält den Nacken steif, sein Harnisch klirrt vor Frost und Eis.

Bauernregel

Wetterregeln

Aber ist das wirklich alles nötig? Der Fra­ge, wie weit die Eisheiligen eine Kopfgeburt des Aberglaubens oder das Ergebnis akribi­scher Aufzeichnungen ĂĽber lange Zeiten hinweg sind, widmet sich seit Jahrzehnten die moderne Wetterforschung.

Alexander Orlik ist Meteorologe und dafĂĽr zuständig, alljährlich im FrĂĽhjahr im Alpenraum den Verlauf der Eisheiligen zu prognostizieren; schlieĂźlich warten aber­tausende von Hobbygärtnern, Landwirten, Winzern oder Almbewirtschaftern auf zu­verlässige Daten.

„Bauernregeln sind kein Blödsinn“, sagt Alexander Orlik zunächst ganz allgemein, „es sind volkstĂĽmliche Orientierungshilfen, die in Jahrhunderten von Beobachtung und Erfahrung entstanden sind.“ Und dann fĂĽgt er hinzu: „Was wir als Eisheilige kennen, ist eine meteorologische Singularität, die aufgrund bestimmter Konstellationen häu­fig entstehen kann, aber nicht muss.“ 

Pankrazi, Servazi und Bonifazi sind drei frostige Bazi, und zum Schluss fehlt nie die kalte Sophie.

Bauernregel

Wenn im Mai die Sonne schon hoch steht, erwärmen sich die Kontinentalmassen rascher als die Meeresoberfläche des Nord­atlantiks. So entstehen durch den unter­schiedlichen Luftdruck an den Grenzen der beiden Luftmassen im Bereich Russland, Skandinavien und Island Tiefdruckgebiete mit starken Windgeschwindigkeiten, die ein­ander beeinflussen.

Zumal ein Hoch sich im, ein Tief sich aber gegen den Uhrzeigersinn dreht, wird kĂĽhle Luft in den mittel- und sĂĽdeuropäischen Raum geschaufelt. Das erklärt auch, war­um zum Beispiel in Norddeutschland am 11. Mai Mamertus als Eisheiliger gilt, in Bayern, in der Schweiz und in Ă–ster­reich aber nicht. Dort wird wiederum – im Gegensatz zum Norden – der 15. Mai, So­phies groĂźer Tag, zu den mystischen Kälte­bringern gezählt.

Des Rätsels Lösung: Die kalte Luft braucht einfach eine gewisse Zeit, um den Kontinent von Norden nach SĂĽden zu durchströmen und kommt im Alpenraum etwas später an

Papst Gregor nahm zehn Tage weg 

Zahlreiche andere Faktoren sind dabei noch mitentscheidend. Zieht man diese in Erwägung, lässt sich der folkloristisch entstandene Termin 11. bis 15. Mai eigentlich nicht mehr halten

Der Grund: 1582 verordnete Papst Gre­gor XIII. die gregorianische Kalenderreform, um Abweichungen des Sonnenjahres vom ju­lianischen Kalender zu korrigieren. Er nahm dem Jahr 1582 einfach zehn Tage weg; die Wetterregeln zu den Eisheiligen, die damals schon kursierten, blieben aber unverändert. 

So finden die Kälteeinbrü­che häufig erst elf bis zwölf Tage spä­ter, also etwa vom 23. bis zum 27. Mai, statt. 

Mikroklimatische Unterschiede 

Doch was fĂĽr die Niederbayern stimmen mag, muss fĂĽr Ostösterreich noch lange nicht zutreffen. Oft sind nämlich schon mikroklimatische Unterschiede zwischen nahegelegenen Tä­lern und Ebenen ausschlaggebend dafĂĽr, ob das auftritt, wofĂĽr die Eisheiligen seit jeher gefĂĽrchtet werden: der Bodenfrost

Kessellagen mit wenig Wind sind im Mai bei klarem Wetter noch am ehesten gefährdet. Das hat damit zu tun, dass die Luft vom Boden her auskĂĽhlt und Wind den AbkĂĽhlungsprozess durch raschen Austausch von Luftmassen behindert. 

Balkonpflanzen haben es leichter 

Zunehmende Wetterextreme stiften in jĂĽngerer Zeit Verwirrung um die Zuverlässigkeit des Phänomens. Immer öfter kĂĽmmern sich die Tage der kältebrin­genden Märtyrer keinen Deut um ihren angestammten Platz im Kalender. 

Die TemperaturstĂĽrze vollziehen sich vor oder nach der Monatsmitte. Treten sie frĂĽher auf, ist das auch mit der noch schwächeren Kraft der Sonne und den letz­ten Nachwehen der kalten Jahreszeiten zu erklären. 

Wird es gegen Ende des Monats frostig, mögen – neben der gregorianischen Kalen­derreform – auch Klimaveränderungen eine Rolle spielen. Die Temperaturkurven weisen um den 20. Mai im Schnitt deutlicher nach unten als um den 12. Mai. 

Doch auch wenn die groĂźe Kälte tat­sächlich noch einmal hereinbricht, hat so manche Pflanze nicht um ihre Existenz zu fĂĽrchten. Bodenfröste werden nämlich zumeist fĂĽnf Zentimeter ĂĽber dem Boden gemessen. Das bedeutet, dass Balkonpflanzen im ersten Stock oder ObstblĂĽten in höheren Baumregionen etwas weniger gefährdet sind als frisch keimendes Saatgut unten im Garten.

Die Eisheiligen (Bild: Andreas Leitner)