Zahlreiche MotoGP-Piloten hadern in Barcelona schon seit Freitag mit den Bedingungen – Michelin glaubt Grund zu kennen und ist für das Rennen entspannt

Seit Beginn des MotoGP-Wochenendes zum Grand Prix von Katalonien 2019 gibt es seitens zahlreicher Piloten Beschwerden darüber, wie wenig Grip der Circuit de Barcelona-Catalunya in diesem Jahr bietet. Ducati-Pilot Danilo Petrucci war am Freitag nur einer von vielen, die sich über die geringe Haftung der Streckenoberfläche in Kombination mit den Michelin-Reifen wunderten.

Und am Samstag nach dem Qualifying klingen die Piloten ganz ähnlich. Marc Marquez, der die Pole-Position aufgrund eines Fehlers im Windschatten von Valentino Rossi um 0,015 Sekunden gegenüber Fabio Quartararo verpasst hat, rätselt: „Ich weiß nicht, was es ist. In Jerez hatten wir jede Menge Grip und dort waren wir schnell. Hier haben wir deutlich größere Probleme, die nötige Haftung zu finden.“

Das Qualifying der MotoGP: Gran Premi Monster Energy de Catalunya

Damit spricht Marquez nicht nur für sich selbst und das Honda-Werksteam, sondern insbesondere für das gesamte Honda-Lager. LCR-Honda-Pilot Cal Crutchlow, im Qualifying auf P9 gefahren, bestätigt dies und drückt sich wie immer sehr direkt aus. „Die Strecke ist alles andere als in einem guten Zustand und die Reifen funktionieren an diesem Wochenende für niemanden.“

„Wie auf Eis“ und „Null Grip auf der Flanke“

„Auf der Strecke kommt es einem ehrlich gesagt vor wie auf Eis“, so Crutchlow, um dies mit einem Vergleich zu belegen: „Im vergangenen Jahr fuhr ich im Rennen nach 20 Runden dreimal hintereinander eine 1:40,2. Heute habe ich mich mit einer 1:40,1 qualifiziert. Der Honda macht das mehr zu schaffen als anderen Bikes, denn wir finden weniger Grip als die anderen.“

Auf Nachfrage von ‚Motorsport-Total.com‘, warum das Griplevel in Barcelona in diesem Jahr so niedrig ist, antwortet Crutchlow: „Man muss sich nur mal die Farbe des Asphalts ansehen. Sie ist ganz anders [als 2018]. Deshalb haben wir keine Haftung. Warum das so ist, verstehen wir aber nicht, denn die Rundenzeiten der CEV (Spanische Meisterschaft; Anm. d. Red.) waren vergleichbar zum vorigen Jahr, wenn nicht sogar schneller.“

Liegt es also an den Reifen? KTM-Pilot Pol Espargaro will sich darauf nicht festlegen. Er führt zwei Faktoren an: „Wenn die Temperaturen hoch sind, gibt es normalerweise weniger Grip. Wenn das Ganze auf einer Strecke passiert, die ohnehin schon wenig Grip bietet, geht es direkt zwei Schritte zurück. An diesem Punkt muss dann die Elektronik richtig funktionieren.“

Mit Blick auf die Reifen und die Auswahl der Mischungen für das Rennen sagt Espargaro, der sich für den zwölften Startplatz qualifiziert hat: „Ich habe keine Ahnung. Wir als Team sind komplett verloren. Wir verstehen einfach nicht, was vor sich geht. Liegt es daran, dass Michelin nicht die richtigen Reifen mitgebracht hat? Oder liegt es daran, dass das Griplevel der Strecke nicht so ist wie es zwei Jahre nach einer Neuasphaltierung sein sollte? Wie auch immer, die Situation ist sehr seltsam. Ehrlich gesagt sind wir ein bisschen schockiert.“

Pramac-Ducati-Pilot Jack Miller, der im Qualifying in Q1 einen Sturz hinlegte und daraufhin den Q2-Einzug verpasst hat, stimmt zu. „Die Strecke hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr definitiv verändert. Sie ist extrem rutschig – an einigen Stellen so sehr, dass es einem Angst macht.“ Das größte Problem für „Jackass“ ist dabei, dass es „bei der Einfahrt in die Kurven absolut null Grip auf der Flanke gibt“.

Und dies betrifft alle Kurven, wie Miller darlegt: „Überall, denn der Asphalt ist überall anders [als 2018].“ Was den Australier wundert: „Vor gerade mal zweieinhalb Wochen bin ich hier mit einer Panigale für die Straße gefahren. Selbst im Vergleich dazu sieht der Asphalt jetzt ganz anders aus. Wenn man sich die Rundenzeiten der CEV von voriger Woche anschaut, stellt man fest, dass die Strecke zu diesem Zeitpunkt schneller war. Ich weiß nicht, woran das liegt.“

Michelin führt Grip-Probleme auf Wetter zurück

Die Ansicht der großen Unterschiede beim Vergleich Barcelona 2018 mit Barcelona 2019 teil man auch im Hause Michelin. „Wir stimmen zu, dass der Zustand der Strecke ein ganz anderer ist als es im vergangenen Jahr der Fall war“, sagt Piero Taramasso, der beim französischen Reifenhersteller für das Zweirad-Programm zuständig ist.

„Ich glaube aber, die größte Sorge“, so Taramasso weiter, „ist das Wetter. Es gab hier am Mittwoch und Donnerstag heftigen Regen. Donnerstagnacht war es noch dazu richtig stürmisch. Dabei wurde einiges an Sand auf die Strecke geweht. All das zusammen führte dann dazu, dass die Strecke sehr rutschig war.“

Der allgemeinen Verwunderung der Piloten, wie schlecht der Grip ist, ist man sich beim alleinigen Reifenausrüster in der MotoGP-Klasse bewusst. „Gestern Abend [Freitag] waren alle sehr verwirrt“, bestätigt Taramasso, sagt aber auch: „Auch wir selbst waren verwirrt.“

„Die Strecke war in einem sehr schlechten Zustand. Es wurde zwar im Laufe des Tages etwas besser, aber nicht gut genug, um schon im zweiten Freien Training verstehen zu können, welcher Reifen am besten funktionieren würde. Deshalb waren wir verloren und die Rundenzeiten waren eine Sekunde langsamer als im vergangenen Jahr“, so Taramasso mit Blick auf den Freitag.

Reifenwahl für Sonntag: Laut Michelin ist alles fahrbar

Die stetige Verbesserung des Streckenzustands setzte sich laut Taramasso aber am Samstag fort. „Inzwischen verstehen wir besser, welche die beste Reifenwahl für das Rennen ist.“ Und die wäre? „Derzeit sieht es so aus, als würden am Hinterrad alle Mischungen funktionieren und auch am Vorderrad.“

Am Freitag waren die Piloten überwiegend mit der Soft- und der Medium-Mischung unterwegs gewesen. Dass mittlerweile auch die Hard-Mischung eine echte Option ist, führt der Michelin-Zweirad-Manager zurück auf „die höheren Temperaturen und das erhöhte Griplevel der Strecke, weil es mehr Gummi auf dem Asphalt gibt“.

Und so unterstreicht Taramasso mit Blick auf den Sonntag: „Alle Reifen sind im Rennen fahrbar. Auch der Soft kann die Renndistanz ohne Probleme überstehen.“ Anhand der Erfahrungswerte rechnet man bei Michelin damit, dass „zwei oder drei Piloten für das Vorderrad den harten Reifen wählen werden, weil sie üblicherweise sehr aggressiv zu Werke gehen. Die anderen Piloten werden sich zwischen Soft und Medium entscheiden“.

„Für das Hinterrad wird man wohl überwiegend den Soft wählen“, glaubt Taramasso und rechnet diesbezüglich mit „13 bis 14 Piloten“, die diese Reifenwahl treffen werden. „Abgesehen davon werden vielleicht sieben oder acht den Medium wählen und vielleicht zwei oder drei den Hard“, legt sich der Michelin-Mann weitestgehend fest.

Es wäre allerdings verwunderlich, sollte es nach dem Rennen keine Beschwerden von Piloten bezüglich des Griplevels geben…

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