LCR-Teamchef Lucio Cecchinello offenbart, dass er Stefan Bradl für Nakagami fahren lassen wollte. Warum das nicht klappt und wie er Honda mit Zarco überrascht hat.

Johann Zarco hat den Zuschlag erhalten, für den operationsbedingt ausfallenden Takaaki Nakagami die letzten drei Rennen der MotoGP-Saison 2019 (Australien, Malaysia, Valencia) bei LCR-Honda zu fahren. Erste Wahl war der von KTM vor die Tür gesetzte Franzose aber nicht. „Der Testfahrer Stefan Bradl war natürlich unsere erste Option“, bekennt LCR-Teamchef Lucio Cecchinello.

Von 2012 bis 2014 war Bradl drei Jahre lang Stammfahrer bei LCR-Honda gewesen. Zudem sprang er bei den letzten beiden Rennen der Saison 2018 für den damals verletzten Stammfahrer Cal Crutchlow ein.

LCR-Teamchef Cecchinello wollte Bradl, aber …

Vom Gedanken, dass Bradl ab dem nächsten Wochenende auch für Nakagami einspringen könnte, musste sich Cecchinello aber rasch verabschieden: „Als ich mit HRC (Honda Racing Corporation; Anm. d. Red.) über die Möglichkeit sprach, Bradl als Ersatzfahrer zu nehmen, hat man mir leider mitgeteilt, dass er keine Zeit hat. Weil er sich um die Entwicklung des neuen Motorrads kümmert.“

Aufgrund der Entwicklung der 2020er-Honda wäre Bradl „für Malaysia definitiv nicht in Frage gekommen. Aber für unseren Sponsor Idemitsu ist das ein ganz wichtiges Rennen“, sagt Cecchinello. Er erklärt, wie er schließlich auf Zarco kam: „Was ich brauchte, war ein Fahrer, der sofort auf das Bike springen und einen guten Job abliefern kann, ohne dabei zu viele Risiken einzugehen. Hätten wir einen jungen Kerl drauf gesetzt, wäre das riskant gewesen. Deshalb fiel mir Zarco ein.“

Stefan Bradl: "Keiner kann Marquez das Wasser reichen"

Honda von Cecchinellos Zarco-Vorschlag überrascht

Bei Honda war man von Cecchinellos Idee aber durchaus überrascht: „Bevor ich ihn kontaktiert habe, sprach ich mit Honda und Honda war ein wenig erstaunt. Nach ein paar Tagen sagten sie aber: ‚Okay, versuche ihn zu fragen.‘ Ich kann nur sagen, dass es unsere Idee war, Zarco zu kontaktieren. Von Honda gab es keinen Hinweis oder Druck, in diese Richtung zu gehen.“

LCR-Honda-Speerspitze Crutchlow ist derweil nicht überrascht, dass es Zarco ist, der Nakagami vertritt und somit für drei Rennen sein Teamkollege wird. „Welche Alternative gäbe es denn? Stefan muss testen und kann nicht für uns fahren. Johann hat Rennerfahrung auf diesen Strecken. Deshalb ist es eine normale Entscheidung“, meint der Brite.

Crutchlow konkretisiert seine Aussagen über Zarco

Vor wenigen Wochen erst hatte Crutchlow noch gepoltert, dass sich Zarco auf der Honda noch schwerer tun würde als auf der KTM. Damit bezog er sich aber nicht auf die 2018er-Honda, die Zarco nun kurzfristig fahren wird.

„Als ich gesagt habe, dass es Johann mit der Honda schwer haben würde, habe ich das 2019er-Motorrad gemeint. Das 2018er ist ganz anders und viel einfacher zu fahren. Es bremst und lenkt sehr gut. Ich denke, man kann damit die Situation einfacher managen als mit unserem aktuellen Motorrad“, erklärt Crutchlow.

„Ich glaube, dass es Johann gut machen wird“, so der Brite. „Es gibt keinen Grund, warum er sein Potenzial nicht wird zeigen können. Er hatte natürlich ein schwieriges Jahr, aber wir wissen, dass er [Moto2-]Weltmeister war. Er kann immer noch schnell und konkurrenzfähig sein. Ich bin mir sicher, dass er das auf diesem Motorrad zeigen kann. Ich glaube, es ist eine gut Wahl vom Team und von Honda, dass er ‚Taka‘ vertreten wird.“

Zarco eine Zukunftsoption für LCR-Honda?

Und wie stellt man sich bei LCR-Honda die weitere Zukunft vor? „Wir gehen davon aus, dass wir 2021 und 2022 mit denselben Piloten antreten können“, sagt Teamchef Cecchinello mit Verweis auf Crutchlow und Nakagami. Der Nummer-1-Fahrer aus Großbritannien hat erst kürzlich betont, dass er über 2020 hinaus MotoGP fahren will. Zuvor hatte Crutchlow einen Rücktritt zum Ende der Saison 2020 nicht ausgeschlossen.

Und was ist mit Zarco? Spielt er bei LCR-Honda nur kurzfristig eine Rolle? Oder darf auch er sich Hoffnungen machen, sofern er als Nakagami-Ersatz überzeugen kann? „Der Wettbewerb ist knallhart“, deutet Cecchinello an, dass sich Crutchlow und Nakagami nicht zu sicher fühlen sollten, wenngleich sie vom Team erste Wahl sind.

Konkret auf Zarco angesprochen, sagt der LCR-Teamchef: „Sagen wir es mal so: Er kann für unser Team eine Alternative werden, sollte sich Cal anders entscheiden oder wir uns nicht mit ihm einig werden.“

Zarco tritt ins Honda-Lager ein: Muss sich Lorenzo Sorgen machen?

Und dann wäre da noch Jorge Lorenzo. Der Ex-Weltmeister hat im Honda-Werksteam einen Vertrag für die Saison 2020. Allerdings gibt es ungeachtet dessen nach wie vor Gerüchte über eine vorzeitige Auflösung dieses Vertrags. „Ich weiß nicht, ob ich verloren bin oder nicht. Aber die Ergebnisse sind nicht gut und voran geht es auch nicht“, zuckt Lorenzo am Donnerstag in Motegi mit den Schultern.

Den Einstieg von Zarco bei LCR und damit ins Honda-Lager bezeichnet Lorenzo als „Sache von LCR und Honda, denn LCR hat einen Fahrer gebraucht und er war verfügbar“. Ob der Franzose womöglich sogar zu einer Gefahr für ihn selbst im Werksteam werden kann? „Es war eine gute Entscheidung von beiden Seiten. Wenn er sich mit diesem [2018er] Bike wohlfühlt, kann er sehr schnell sein“, meint Lorenzo. „Mehr kann ich dazu nicht sagen.“