Rückblickend schmerzt Andrea Iannone vor allem eine Entscheidung in seiner Karriere: Der Weggang von Ducati. Denn Aprilia ist nach seinen Worten „wie ein Satelliten-Team“.

War Andrea Iannone im vergangenen Jahr beim Großen Preis von Aragonien noch in der Lage, gegen Andrea Dovizioso (Ducati) und Marc Marquez (Honda) um den Sieg zu kämpfen, kam er diesmal nicht über Rang elf hinaus. An die Ergebnisse, die der Italiener mit Suzuki oder Ducati erzielte, ist bei Aprilia nicht zu denken.

Natürlich schmerzt das den 30-Jährigen, der bisher einen MotoGP-Sieg und elf weitere Podestplätze verzeichnen konnte. Sein bestes Ergebnis mit Aprilia war ein zehnter Platz beim Holland-Grand Prix in Assen. Bis dato das einzige Mal, dass Iannone in dieser Saison überhaupt in die Top 10 vordrang.

Mehr war für ihn auf der RS-GP bisher einfach nicht möglich. „Wenn Du draußen auf der Strecke bist, weißt Du, dass Du es kannst. Und selbst wenn Du zu kämpfen hast, verstehst Du, wo du Dich verbessern und den Unterschied machen kannst. Und wo das Motorrad dich bestraft“, sagt er. Zuletzt bremste ihn eine Schulterverletzung ein.

Iannone und Aprilia: Gemeinsam an die Spitze?

Doch Iannone betont: „Ich bin sehr kritisch mit mir selbst. Wenn ich merke, dass die Zeiten nicht besser werden, weil es meine Schuld ist, dann sage ich den Jungs: ‚Es liegt an mir, ich muss mich steigern.'“ Zuletzt aber sparte er vor allem mit Kritik an Aprilia nicht. Und deutete sogar an, gegenüber Teamkollege Aleix Espargaro im Nachteil zu sein.

Im Gespräch mit ‚GPOne.com‘ sagt Iannone: „Es liegt in der Natur eines Rennfahrers, dass er jeden Sonntag in der Lage sein will zu gewinnen. Wenn das nicht der Fall ist, wird alles schwieriger. Aber das Verlangen ist immer da, genauso wie das Engagement. Und das sowohl bei mir als auch bei Aprilia.“

„Sie sind nicht in der MotoGP, um im Paddock zu parken. Sie wollen wie ich zurück an die Spitze. Natürlich würden wir morgens gerne aufwachen und sofort vorne mitfahren können. Aber das ist offensichtlich nicht möglich. Wir müssen sehr, sehr realistisch sein, um das umsetzen zu können, was uns noch fehlt“, urteilt Iannone.

„Hätte Ja sagen müssen, als der Anruf von Ducati kam“

Er weiß, wie schwer es ist, sich bei der aktuellen Konkurrenz-Dichte in der MotoGP durchzusetzen. „Um Dein Potenzial, Dein Talent, Deinen Stil zeigen zu können, musst Du eins mit Deinem Motorrad werden. Nur wenn das passiert, kannst Du um den Sieg kämpfen. Das ist das Ziel. Du kannst ganz vorne mitfahren, wenn alles stimmt.“

Bei Ducati und auch bei Suzuki war er diesem Zustand unbestritten näher als aktuell bei Aprilia. Blickt er zurück, würde der Italiener vor allem eine Sache anders machen. „Ich wäre definitiv bei Ducati geblieben“, gesteht Iannone. „Ich hätte Ja statt Nein sagen sollen, als damals der Anruf kam. Aber das war Teil meiner Reise.“

„Heute bin ich realistischer, geduldiger und handele weniger instinktiv. Mit der Erfahrung würde ich jetzt natürlich Ja sagen. Und es ist hart, das zuzugeben, auch weil ich sehr stolz bin. Aber oft liegt man falsch und muss dafür bezahlen. Doch dann krempelt man die Ärmel hoch und macht weiter.“ Grämen will sich der 30-Jährige daher nicht.

Was sich bei Aprilia in der MotoGP noch ändern muss

Und so antwortet er auf die Frage, was bei Ducati für ihn noch alles möglich gewesen wäre. „Ich frage mich nicht, warum ich in den letzten beiden Jahren nicht auf dem besten Motorrad saß. Insofern weiß ich auch nicht, was in diesen zwei Jahren möglich gewesen wäre. Ich kann nur sagen, dass ich gute Erinnerungen habe.“

Jetzt will Iannone seinen Blick aber nach vorne richten. Und bei Aprilia beweisen, was er kann – auch wenn er weiß, dass es noch ein langer Weg werden wird. „Ich habe sowohl bei Ducati als auch bei Suzuki gute Arbeit geleistet. Das Gleiche will ich nun auch mit Aprilia tun. Wir haben viele kompetente Leute“, versichert der Italiener.

„Wir sind in manchen Bereichen weniger strukturiert als andere Teams, was Personal und auch Knowhow angeht. Während Aprilia abwesend war, hat sich die WM verändert. Sie ist gewachsen und stellt neue Ansprüche. Jetzt, wo ich da bin, versuchen wir, die Renn-Abteilung zu erweitern und den Schritt nach vorne zu machen, der nötig ist.“

So reagiert Iannone auf Kritik an seinem Lebensstil

Dazu müsse Aprilia vor allem kreativ werden. „Im Moment sind wir nicht wie ein Top-Team aufgestellt. Wir ähneln mehr einem Satelliten-Team. Aber wir arbeiten daran. Das muss ein Wendepunkt sein. Wir erhalten auch personelle Unterstützung aus der MotoGP und der Motorsport-Welt. Sie werden eine große Hilfe und ein Anreiz sein.“

Auf Kritik, dass er sich selbst neben seinem eigentlichen Job noch zu vielen anderen Dingen widme, reagiert Iannone gelassen. „Dass die Leute reden, kann ich ihnen nicht verübeln. Wenn man Dinge von außen sieht und nicht weiß, wie diese Person lebt, sehen die Leute womöglich, dass ich ein bisschen überall bin“, gibt er zu.

Zugleich stellt der 30-Jährige klar: „Ich weiß, was ich tue, und muss niemandem etwas erklären. Sie kritisieren mich, weil ein Motorradfahrer nicht so lebt wie ich? Nun, ich fühle mich wie ein echter Fahrer. Ich habe so um die 200 Motorräder, meine Renn-Abteilung. Ich habe ein Sportstudio zum Trainieren – und vor allem lebe ich dafür.“