Der Ex-Weltmeister in der Dauer-Krise: Jorge Lorenzo im Interview über seine aktuelle Situation bei Honda, sein Verletzungspech und die Zweifel an seinen Fähigkeiten.

Die letzten zwölf Monate waren für Jorge Lorenzo von Verletzungen, Schmerzen und Selbstzweifeln geprägt. In den vergangenen Wochen fuhr der fünfmalige Weltmeister am Ende des Feldes herum. „Die Ärzte sagen, dass meine Wirbelverletzung geheilt ist“, erklärte er zuletzt beim Thailand-Grand-Prix. „Aber ich habe Schmerzen. Manche Leute, die die gleiche Verletzung hatten, meinten, dass es sechs oder sieben Monate dauern könnte.“

Zu seiner körperlichen Situation kommt dann noch der Umstand, dass Lorenzo immer noch kein Vertrauen zur Honda gefunden hat. Gleichzeitig fährt sein Teamkollege Marc Marquez damit alles in Grund und Boden. Im Sommer gab es wilde Spekulationen über eine Rückkehr zu Ducati. Und noch immer halten sich die Gerüchte, dass der Spanier seine Karriere beenden könnte. Im Gespräch mit ‚Motorsport-Total.com‘ nimmt Lorenzo ausführlich zu seiner aktuellen Situation Stellung.

Jorge, nach allem, was Sie in diesem Jahr durchgemacht haben: Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Die Fehler, die zu meinen Verletzungen geführt haben, habe ich zuvor auch schon gemacht. In diesem Sport muss man ans Limit gehen, man muss attackieren. Man weiß nicht, ob man stürzen wird. Denn andernfalls würde ich langsamer machen. In Assen fühlte ich mich als Konsequenz des Sturzes beim Barcelona-Test nicht so gut. Ich war nicht bei 100 Prozent. Am besten wäre es gewesen, wenn ich nicht gepusht hätte. Hätte ich das gewusst, wäre ich konservativer gewesen. Ich glaube aber nicht, dass irgendeine der Verletzungen in diesem Jahr besonders entscheidend waren.

Gefühl für 2018er-Honda war besser

Warum ist der Anpassungs-Prozess an die Honda viel schwieriger als bei der Ducati?
Es gibt nicht nur einen Grund. Ich war körperlich nie zu 100 Prozent fit. Bei den Winter-Tests in Valencia und Jerez waren die Bänder im Handgelenk in schlechtem Zustand. Trotzdem war ich nicht so schlecht, weil mir die 2018er-Honda gut gefallen hat. Das Problem ist das neue Motorrad, das mir in den Kurven überhaupt kein Vertrauen vermittelt. Auf den Geraden war ich schneller, aber insgesamt langsamer. Ich habe meine Vorschläge gemacht, aber es war vermutlich zu spät. Denn Honda hat sich dazu entschieden, mit diesem Motor weiterzumachen. Marc konnte sich darauf einstellen und die Nachteile kompensieren. Crutchlow und ich haben größere Schwierigkeiten, als wenn wir beim alten Motor geblieben wären.

HRC-Technikchef Yokoyama meinte, dass man beim Top-Speed zu Ducati aufschließen wollte und sich bewusst war, dass Marquez auch mit einem schwierigen Handling zurechtkommen würde. Was würden Sie sich für das 2020er-Bike wünschen?
Ich würde versuchen, ein Motorrad zu bauen, mit dem mehr als nur ein Fahrer zurechtkommt.

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Lorenzos „bestes Ich“ derzeit nicht gut genug

Was glauben Sie: Werden wir Sie jemals wieder in Top-Form sehen?
Es kann nicht schlechter werden. Mein bestes Ich? Wenn man sich schlecht fühlt, beeinflusst das Dein Selbstvertrauen und alles wird schlimmer. Ändert sich das Motorrad ein wenig, dann gewinnt man wieder Selbstvertrauen und glaubt wieder mehr an sich. Das ist nicht nur im Sport der Fall, sondern generell im Leben. Man denkt, dass Lorenzo zwei Sekunden hinter Marquez ist. Das sieht nach viel aus. Aber alles kann sich in kurzer Zeit ändern. Bei den Winter-Tests in Jerez habe ich das Motorrad kaum gekannt, aber ich bin so schnell gefahren wie er. Warum? Weil mir dieses Motorrad (das 2018er-Bike, Anm. d. Red.) bessere Gefühle vermittelt hat und mir die Strecke auch gut gefällt.

Was muss passieren, damit Sie wieder Vertrauen zum Motorrad finden?
Zunächst muss ich mich körperlich gut fühlen. Und das Motorrad muss sich in einigen Bereichen verbessern, damit sich das Vorderrad sicherer anfühlt. Dann würde ich schnell sein, weil ich immer schnell war.

Wie ist aktuell das Verhältnis zu Honda?

Es gab einige Zweifel und die Gerüchte, dass Sie das Team wechseln könnten. Verstehen Sie, dass Honda etwas Vertrauen in Sie verloren hat?
Ich verstehe die Position von Honda komplett. Das Werk hat mich von technischer Seite mit Takeo und vom Management mit Alberto immer unterstützt. Aber sie verstehen auch, welche schwierige Phase ich durchmache. Als ich in Silverstone nach meiner Rückenverletzung zurückgekommen bin, habe ich gesagt, dass man in solch schwierigen Momenten viele Zweifel hat. Der Plan, den wir in Japan gestartet haben, das Motorrad für nächstes Jahr besser zu machen, existiert immer noch. Ob diese Änderungen funktionieren werden oder nicht, weiß ich nicht. Aber die Absicht ist es, sie in die Tat umzusetzen. Das wurde mir bestätigt.

Haben Sie eine Strategie, um Honda Ihr Engagement zu zeigen?
Ich hatte Zweifel bezüglich meiner Karriere und habe Honda das wissen lassen. Als ich meine Zweifel ausgeräumt hatte, habe ich ihnen mitgeteilt, dass ich dieses Projekt fortsetzen will. Von da an ist es Hondas Entscheidung. Ich kann nicht ändern, was passiert ist und wie ich mich fühle. Ich versuche auf der Strecke immer mein Bestes zu geben, aber manchmal ist das enttäuschend. Mein Level ist derzeit so hoch, wie es mir das Gefühl vom Motorrad erlaubt. Ich weiß nicht, wie ich mehr geben kann.

Rücktritt oder Team-Wechsel eine Option?

Haben Sie während der Verletzungspause wirklich an Rücktritt gedacht?
Ich will nicht mehr sagen, als dass ich Zweifel hatte. Jeder kann sich damit sein eigenes Urteil bilden.

Und zu welchem Ergebnis sind sie gekommen? Bestehen diese Zweifel immer noch?
Momentan nicht.

Sie waren Teamkollege von Valentino Rossi und sind es jetzt von Marquez. Wer macht Ihnen das Leben schwerer?
Keiner von beiden. Ich war immer stark genug und habe mich auf meine Arbeit konzentriert. Was mein Teamkollege sagt oder macht, hat mich nie beeinflusst. Beide sind große Champions und schenken ihrem Teamkollegen nichts. Genauso bin ich auch.

Sie haben für nächstes Jahr noch einen Vertrag mit Honda. Könnte es passieren, dass – wenn sich die derzeitige Situation so fortsetzt – Ihre frühere Reputation dadurch Schaden nimmt?
Es ist mir egal, was Leute denken. Ich kümmere mich um meine Leute und meine Fans. Wer nicht hinter mir steht, wird es unter egal welchen Umständen nie tun. Die Situation ist natürlich kritisch, weil ich immer gewohnt war zu gewinnen. Aber wenn ich das Gesamtbild meiner Karriere betrachte, dann bezeichne ich mich als glücklichen Menschen. Natürlich möchte ich es mit Honda gut machen. Aber wenn das aus welchen Gründen auch immer nicht klappt, dann ist es auch nicht das Ende der Welt.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, sich mit Honda zu einigen und diese Situation zu beenden?
Ich habe bei Honda unterschrieben. Ich bin ein Kämpfer und will meine gesteckten Ziele erreichen. Bisher habe ich sie immer erreicht. Schaffe ich es dieses Mal nicht, wäre das das erste Mal.