KTM-Motorsportchef Pit Beirer erläutert anhand von Beispielen, inwiefern der „besondere“ Charakter von Johann Zarco Einfluss auf die vorzeitige Trennung hatte.

Johann Zarco, der am Donnerstag noch im MotorLand Aragon vor Ort war, ist mittlerweile abgereist. Seinen Platz im KTM-Werksteam hat der Franzose für die restlichen Rennen der MotoGP-Saison 2019 an Ersatzfahrer Mika Kallio abtreten müssen. Diese Entscheidung wurde seitens KTM am Dienstag dieser Woche verkündet.

Trotzdem reiste Zarco noch nach Aragon. Zum einen, um in seinen Verhandlungen über einen geplanten Testfahrer-Job für die MotoGP-Saison 2020 weiterzukommen. Zum anderen aber auch, um sich von seiner KTM-Crew zu verabschieden. Und genau davon zeigt man sich in der Führungs-Etage des österreichischen Herstellers beeindruckt.

Tracklap: Onboard mit Alex Hofmann

Johann Zarco verabschiedet sich vom Team

„Nach dem Gespräch, das wir zu Beginn der Woche geführt hatten, war es eine schöne Geste von ihm. Dass er nochmals vorbeischaute, um sich auf menschlich fantastische Weise von allen zu verabschieden“, sagt KTM-Motorsportchef Pit Beirer am Aragon-Freitag. Und fügt hinzu: „Wir konnten uns die Hände schütteln. Eine traurige Geschichte ist es aber am Ende trotzdem.“

Da er bei KTM zwar noch bis Jahresende unter Vertrag steht, aber nicht mehr gebraucht wird, hatte Zarco am Donnerstag angemerkt, nach seinem Kurzbesuch „mit dem Zug nach Hause zu fahren“. In Abwesenheit des Franzosen nahm sich KTM-Motorsportchef Beirer am Freitag in einer eigens angesetzten Pressekonferenz die Zeit, um ausführlich über die Gründe für die Trennung von Zarco zu sprechen.

Schon am Donnerstag hatte KTM zu diesem Zweck eine Pressekonferenz mit Teammanager Mike Leitner angesetzt. Beirer spricht tags darauf noch ausführlicher über das Warum. So stellt er heraus, dass Zarcos Persönlichkeit eine entscheidende Rolle spielte bei der Entscheidung, noch früher als ohnehin schon geplant getrennte Wege zu gehen.

Zarcos Negativ-Einstellung für KTM mitentscheidend

„Johann ist als Person ein richtig netter Junge. Er ist ein starker Kerl, hat einen besonderen Charakter“, beschreibt Beirer den nun ehemaligen KTM-Werkspiloten. Im Winter 2018/19 hatte der Franzose von Tech-3-Yamaha kommend für ursprünglich zwei Jahre beim österreichischen Werksteam angedockt.

„Es ist traurig, dass wir nicht gemeinsam Erfolg haben konnten“, sagt Beirer. „Denn das war unser Ziel. Und ich bin definitiv nicht glücklich darüber, dass wir ihm nicht das Bike hinstellen konnten, das er fahren wollte. Andererseits konnte er aber auch nicht den Schritt machen, um das Bike weiterzuentwickeln. Schließlich ist es nun mal noch nicht das beste im Feld.“

Konkret auf Zarcos „besonderen“ Charakter angesprochen, holt Beirer aus. „Vor allem konnte er seine Emotionen nicht kontrollieren. Und damit meine ich nicht, dass er hin und wieder schlecht über das Motorrad gesprochen hat. Das war o.k. Er setzte sich aber selber unglaublich stark unter Druck, wenn es mal nicht lief. Dabei wollte er doch genau das – nämlich, dass es läuft. Als er dieses Ziel nicht erreicht hat, wurde er aggressiv.“

„Ich glaube, um auf dem MotoGP-Level erfolgreich sein zu können“, so der KTM-Motorsportchef weiter, „muss man emotional und stark sein. Man muss aber auch ruhig bleiben, um die Situation analysieren zu können. Und genau an diesem Punkt stand Johann richtig unter Spannung.“

„Wenn man sich außerhalb der Box mit ihm unterhalten hat, war alles gut. Er sagte dann immer ‚Ich verstehe. Du hast Recht. Wir tun dies und jenes, um uns zu verbessern‘. Wenn er dann aber auf das Motorrad stieg…“, spricht Beirer von einem sprichwörtlichen Schalter, der in Zarcos Kopf umgelegt wurde. Und nennt ein Beispiel: „Selbst am vergangenen Samstag in Misano, als es gut lief, konnte er nicht das Positive sehen. Stattdessen hat er sich weiter über die gleichen Dinge beschwert.“

Misano und Assen – Beirer nennt zwei Beispiele

So kommt Beirer zur Erkenntnis: „Er steht einfach zu sehr unter Spannung, um eine klare Richtung vorgeben zu können.“ Und in diesem Zusammenhang nennt der KTM-Motorsportchef noch ein weiteres Beispiel. Eines, das schon fast drei Monate zurückliegt

„In Assen gab er das Rennen auf“, erinnert Beirer an den Grand Prix der Niederlande Ende Juni. Und gibt offen zu: „Damals war ich echt sauer. Denn all die anderen Dinge konnte man irgendwie erklären. Was aber gar nicht geht, ist aufzugeben.“

„Solange sich ein Rad dreht und der Fahrer gesund ist, können wir nicht aufgeben“, ist der KTM-Motorsportchef überzeugt. Und unterstreicht mit Nachdruck, wie ihn Zarcos Aufgabe mitten im Rennen in Assen angefressen hat: „Das ist das Schlimmste, was man uns als Team antun kann.“

„Dann probierte er irgendwie über Nacht, sein körperliches Training umzustellen“, verweist Beirer auf Zarcos neuen Fokus, den der Franzose in der Sommerpause geglaubt hatte, gefunden zu haben. Aber auch damit wurde es nicht besser. „Es gab schon vorher in der Saison Situationen, als er einfach zu hart trainierte und dann schon völlig fertig zu den Rennen kam“, erinnert sich Beirer.

„Unterm Strich war es eine Reihe von Problemen“, bemerkt der Motorsportchef von KTM. Und gibt offen zu, dass Zarcos Negativ-Einstellung eine mitentscheidende Rolle im Zusammenhang mit der Trennung gespielt hat. Auf die konkrete Nachfrage, ob dem so sei, antwortet er: „Um ehrlich zu sein, ja.“

Beirer: Wir haben alles getan, was wir konnten

Bleibt die Frage: Hätte man gemeinsam zum Erfolg kommen können, wenn KTM stärker auf Zarco eingegangen wäre? Hat der Franzose in seinem Dreivierteljahr im Team konkret nach Teilen gefragt, die KTM ihm nicht bieten konnte? „Ja und Nein“, sagt Beirer und präzisiert: „Wenn er zu uns kam und wollte, dass das Motorrad besser einlenkt, haben wir alles versucht, um das zu erreichen. Letzten Endes konnten wir ihm aber nicht das Bike geben, dass er gerne gehabt hätte.“

„Es gab aber keine Anfrage von ihm, auf die wir mit Nein geantwortet hätten“, stellt Beirer klar. Und verteidigt sich: „Nach einem Aluminium-Chassis (KTM fährt mit Carbon) oder nach Öhlins-Dämpfern (KTM fährt mit WP, Anm. d. Red.) hat er nie gefragt. Deshalb weiß ich nicht, ob er das wollte. Ich weiß nur, dass wir getan haben, was wir konnten, um ihm zu helfen.“

Hat es denn inmitten der wiederholt negativen Bemerkungen, die Zarco über die KTM RC16 abgegeben hat, auch positive Worte zu eben diesem Motorrad gegeben? Auf diese Frage überlegt Beirer lange, bevor er antwortet: „Nun ja, viele [positive Worte] waren es jedenfalls nicht. Das steht fest.“

Dass man Zarco nun in zwei Schritten nach gut der Hälfte der ersten von ursprünglich geplanten zwei vollen Saisons vor die Tür gesetzt und durch Ersatzfahrer Mika Kallio ersetzt hat, sieht Beirer auch als notwendige Maßnahme, um die Moral der Crew aufrecht zu erhalten.

„Wir haben Mika nicht geholt, um wesentlich bessere Ergebnisse einzufahren. Sondern nicht zuletzt auch, um wieder mit einer positiven Stimmung arbeiten zu können. Und die aktuellen Ergebnisse als Basis für bessere Ergebnisse in der Zukunft zu sehen“, so der KTM-Motorsportchef abschließend.