Die Verzögerung des Rennstarts beim Tschechien-Grand-Prix in Brünn wird vom Großteil der MotoGP-Piloten als richtig bezeichnet. Nur einer wollte sofort loslegen.

Der Grand Prix von Tschechien der Motorrad-WM 2019 ging am Sonntag für die Königsklasse MotoGP mit mehr als 35 Minuten Verspätung über die Bühne. Wie kam es zur Startverzögerung?

Kurz vor dem geplanten Rennstart um 14:00 Uhr hatte es in Brünn einen Regenschauer gegeben. Dieser setzte aber keineswegs die kompletten 5,4 Kilometer des Brno Circuit unter Wasser. Im Gegenteil: Der Großteil der Strecke blieb trocken.

Im Bereich der Start/Ziel-Gerade aber mit den vier am nächsten liegenden Kurven – Kurve 1, 2, 13 und 14 – hinterließ der Regen Spuren. Diese Bereiche der Piste waren nass und es bildeten sich Pfützen. Insbesondere die Situation in Kurve 1 bereitete den MotoGP-Piloten Kopfzerbrechen.

Nach der routinemäßigen Runde aus der Box in die Startaufstellung hatten sich alle für Slicks entschieden. Regenreifen wären keine Option gewesen, weil der Großteil der Strecke trocken war und die Regenreifen somit sofort kaputt gegangen wären. Somit kam es zur Startverzögerung.

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Startverzögerung: Pol Espargaro kritisiert Kritiker

Denn zu diesem Zeitpunkt war das Rennen noch nicht als Flag-To-Flag-Race mit erlaubtem Motorradwechsel deklariert. Diese Variante, die einen Reifenwechsel überhaupt erst ermöglicht, wurde erst für den tatsächlichen Rennstart mit mehr als 35 Minuten Verspätung gezogen. Die 23 Piloten begrüßen die Entscheidung mit großer Mehrheit. Nur einer tanzt ein wenig aus der Reihe.

Am deutlichsten drückt sich Pol Espargaro aus. „Es war eine sehr sehr gute Entscheidung. Ich habe bei Twitter gesehen, wie einige ehemalige MotoGP-Piloten hinterfragt haben, warum nicht früher gestartet wurde. Sie waren aber nicht vor Ort. Wenn sie hier gewesen wären, hätten sie gewusst, was los war. Das Gefährlichste wäre der Start gewesen.“

„Man stelle sich vor, ich wäre aus zweiten Reihe gestürzt und jemand hätte mich überfahren“, so der vom fünften Startplatz losgefahrene KTM-Pilot, der den MotoGP-Promoter ausdrücklich für die Startverzögerung lobt. „Die Dorna hat einen sehr guten Job gemacht“, so Espargaro.

Marquez und Co. rieten zur Startverzögerung

Auch die Top 3 des Rennens – Marc Marquez, Andrea Dovizioso und Jack Miller – bezeichnen die Startverzögerung allesamt als die richtige Entscheidung. Unter anderem Polesetter Marquez hat sich explizit dafür ausgesprochen.

„Als wir [nach der Besichtigungsrunde] in der Startaufstellung ankamen, haben wir unsere Sichtweisen dargelegt“, sagt Marquez mit Verweis auf Gespräche, die zwischen den Piloten und der Sicherheitskommission, sowie Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta stattfanden.

Valentino Rossi, der in der Startaufstellung persönlich mit Marquez gesprochen hat, bestätigt: „Ich habe mich erkundigt, ob der Start verschoben werden kann. Ich denke, das war die richtige Entscheidung.“

Marquez selbst erinnert sich: „Carmelo fragte mich dann nach meiner Einschätzung. Ich habe ihm gesagt, dass es besser ist zu warten, weil es meiner Meinung nach zu gefährlich ist. Wenn wir zum ursprünglich geplanten Startzeitpunkt alle mit Slicks in die nasse Kurve 1 hineingefahren wären, wäre das sehr sehr gefährlich geworden.“

Selbst Miller gesteht: „Fühlte mich nicht sicher“

Auch Dovizioso stimmt zu und beschreibt die knifflige Situation: „Die Entscheidung war richtig, denn es war eine total seltsame Situation. Nur in Kurve 1 war es komplett nass. Der Rest der Strecke war komplett trocken. Das wäre für den Start viel zu gefährlich gewesen.“

Und auch Miller, der wie Marquez üblicherweise zu den unerschrockensten Piloten im Feld zählt, bezeichnet die Entscheidung zur Startverzögerung als absolut richtig: „Ich möchte mich bei der Dorna und allen Beteiligten für die Entscheidung vor dem Start bedanken.“

„Ich hatte kein sehr gutes Gefühl. Wir alle sind Racer und wir wären bei 95-prozentig trockener Strecke mit Slicks losgefahren“, so Miller, um zu gestehen: „Ich fühlte mich aber mit so viel Wasser in Kurve 1 mit Slicks nicht sicher – vor allem mit so vielen Bikes hinter mir, die ebenfalls Slicks drauf hatten.“

Rossi: „So ziemlich das Gefährlichste überhaupt“

So wie Miller beschreibt es auch Rossi, der im Rennen schließlich den sechsten Platz belegte. Anders als Miller und Marquez, die am Samstag im Qualifying mit Slicks gepokert hatten und auf die ersten beiden Startplätze gefahren waren, hatte Rossi in Q2 an Regenreifen festgehalten. Für den eigentlich geplanten Rennstart war aber auch die Yamaha von „The Doctor“ slickbereift gewesen.

„Es waren ziemlich merkwürdige Bedingungen. Nur die erste und die letzte Kurve waren komplett nass“, erinnert sich Rossi. „Doch jeder musste mit dem Slick fahren, weil der Rest der Strecke bereits komplett trocken war. Es war in meinen Augen sehr gefährlich, weil alle den Slick verwenden mussten. Wenn alle mit Slicks auf die nasse Kurve 1 zufahren, dann ist das so ziemlich das Gefährlichste, was es überhaupt gibt.“

Eine Regel, die nicht im Reglement steht

Aleix Espargaro meint: „Mit Blick auf die Sicherheit haben sie sehr gut entschieden. Es gibt eine Regel, die besagt, dass wir starten müssen, egal wie die Bedingungen sind. Doch es gibt eine weitere Regel, die allerdings nicht im Reglement steht. Diese besagt, dass es besser ist, das Rennen zu stoppen, wenn es zu gefährlich ist. Und heute war es sehr gefährlich.“

„Ich bin absolut sicher, dass beim Start zehn Fahrer gestürzt wären“, teilt der Aprilia-Pilot die Meinung von Bruder Pol Espargaro und beschreibt die Situation auf der ersten von letztlich zwei Einführungsrunden aus seiner Sicht: „Ich hatte den Slick drauf und drehte bei 10 km/h das Gas auf. Das Motorrad bewegte sich aber nicht vom Fleck. Es war unmöglich, so zu fahren.“

Crutchlow tanzt aus der Reihe: „War bereit zu starten“

Einzig Cal Crutchlow, der das Rennen als Fünfter beendet hat, hätte nichts dagegen gehabt, wenn es schon zum ursprünglich geplanten Zeitpunkt losgegangen wäre. „Ich war bereit zu starten. Ich wollte direkt mit Slicks starten. Ich verstehe nicht, warum nicht gestartet wurde“, so der LCR-Honda-Pilot.

„Ja, so war es deutlich sicherer. Aber letzten Endes ist ein Rennen ein Rennen. Ich verstehe nicht, warum nicht [planmäßig] gestartet wurde“, sagt Crutchlow, um dann aber doch einzuräumen: „Wir wollen weniger Risiko. Ich möchte die Saison beenden, und zwar ohne gebrochenes Schlüsselbein. So gesehen kann ich beide Szenarien verstehen.“

Marquez, der das Rennen von der Pole-Position aus gewonnen hat, sagt abschließend: „Ich freue mich, dass sich die Rennleitung die Meinungen aller Fahrer, vom ersten bis zum letzten, angehört hat.“ Der Zweitplatzierte Dovizioso ergänzt: „Manchmal machen sich einige Fahrer leider für ihre eigenen Interessen stark. In diesem Fall aber wurden alle gehört und das war gut.“

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