ServusTV-Experte Alex Hofmann im Interview über verhinderte Marquez-Gegner, Lorenzos bisherige Seuchen-Saison – und mögliche Rücktritts-Gedanken von Valentino Rossi.

Die MotoGP im „Sommerschlaf“ – knapp zwei Wochen müssen alle Fans der Motorrad-Königsklasse noch durchhalten, ehe es Anfang August mit dem Großen Preis von Tschechien in Brünn endlich weitergeht. Für uns Gelegenheit, mit ServusTV-Experte Alex Hofmann eine Zwischenbilanz zu ziehen: Wie bewertet der Ex-Rennfahrer die erste Saisonhälfte – wer hat ihn überzeugt, wer überrascht, wer enttäuscht?

ServusMotoGP.com: Alex, knapp die Hälfte der MotoGP-Saison 2019 liegt hinter uns. Kann irgendwer Marc Marquez auf dem Weg zu seinem sechsten MotoGP-Titel noch stoppen – und wenn ja, wer?
Alex Hofmann (lacht): Ganz ehrlich? Also da sehe ich im Moment absolut keinen, der Marc den Titel noch streitig machen kann. Wie stark er sich gerade zuletzt am Sachsenring oder auch in Barcelona präsentiert hat, das war schon beeindruckend. Und solche souveränen Auftritte, die gehen natürlich auch an den anderen Kollegen nicht spurlos vorüber. Der einzige, der Marc noch schlagen kann, ist wahrscheinlich er selbst – wenn er in den nächsten Rennen noch irgendeinen einbaut, sich beim Spielen mit dem Hund verletzt oder was auch immer. Also wenn nicht noch irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, dann ist der Zug um die WM für dieses Jahr abgefahren.

Was ist los mit dem von vielen erwarteten Marquez-Jäger Nummer eins – warum kommt Andrea Dovizioso bislang nicht so recht in die Gänge?
Es stimmt schon, dass Ducati bislang etwas hinter den Erwartungen liegt, wahrscheinlich auch hinter ihren eigenen. Ich würde das aber nicht in erster Linie an der Performance von Andrea Dovizioso festmachen. Stattdessen hat sich im bisherigen Saisonverlauf immer wieder gezeigt, dass es immer stark von der jeweiligen Rennstrecke abhängt, ob Ducati performen kann, ob sie bei der Musik sind. Und dazu kommt dann halt noch, dass die Kombination Marc und Honda bislang so gut wie keine Schwächen hat. Für sie ist ein schlechtes Wochenende halt mal ein zweiter oder dritter Platz – und das ist einfach zu gut für den Rest.

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Lass‘ uns trotzdem noch bei Dovizioso bleiben: Sein Teamkollege Danilo Petrucci ist ihm zuletzt ja schon das eine oder andere Mal um die Ohren gefahren. Ist er für Dich bei Ducati aktuell noch die unumstrittene Nummer eins?
Schon, ja. Und dass Petrucci zuletzt besonders motiviert war lag auch daran, dass er ja um seine Vertragsverlängerung fahren musste. Aber ab jetzt wird es dann natürlich zählen bei Ducati: Wenn Danilo Petrucci konstant über die zweite Saisonhälfte hinweg regelmäßig mehr Punkte holt als Dovizioso, dann wackelt dessen Nummer-eins-Status, logisch. Stand jetzt ist er es noch – aber er wird schon schauen müssen, wie sich das bei Ducati teamintern weiterentwickelt.

Einer, der bislang auf eine echte Seuchen-Saison zurückblickt, ist Jorge Lorenzo. Hättest Du erwartet, dass er sich mit der Honda derart schwertut?
Nein – da bin ich ganz ehrlich. Man dachte zwar schon, dass es für ihn bei Honda kein Selbstläufer wird. Auch angesichts der zwei schwierigen Jahre, die er zuvor bei Ducati hatte. Ich habe erwartet, dass er gerade aus diesen zwei Jahren gelernt hat, sich schneller zu adaptieren und zurechtzukommen. Aber dass es dermaßen katastrophal laufen würde und dann noch Verletzungen dazu kommen und so weiter und so fort – wobei hier und da sicher auch etwas Pech mit im Spiel war – das hätte man von einem mehrfachen Weltmeister nicht erwartet. Das war auch für mich überraschend.

Könnte es für ihn nach der Saison vielleicht sogar eng werden bei Repsol Honda? Oder andersherum: Schmeißt er womöglich sogar selbst hin?
Glaube ich nicht – dafür ist er als Mensch einfach zu stolz. Ich denke, er will um jeden Preis beweisen, dass er es schafft, mit der Honda zurechtzukommen. Genauso, wie er das zuvor eben in den zwei Jahren bei Ducati geschafft hat. Ein Vorteil für ihn bei Honda ist sicher, dass er einen Vertrag mit Japanern hat. Denn die ziehen ihre Verträge durch und brechen sie nicht. Ganz egal, ob man in den gemeinsamen zwei Jahren nun happy mit der Performance von Lorenzo ist oder nicht. Und ich glaube schon, dass er in den verbleibenden fast eineinhalb Jahren die Kurve schon noch kriegen und deutlich stärker werden wird.

Alex Hofmann: „Ich befürchte, dass es für Rossi so weitergehen wird“

Und noch ein „Sorgenkind“ der bisherigen Saison: Valentino Rossi. Er hat Dir ja erst kürzlich im Rahmen eines längeren Interviews sehr offen Rede und Antwort gestanden. Was erwartest Du in der zweiten Saisonhälfte von ihm?
Ich befürchte, dass es für ihn so wechselhaft weitergehen wird wie bisher. Er wird weiterhin Rennen haben, in denen er ums Podium kämpft – vielleicht sogar um den Sieg, wie beispielsweise in Austin. Aber es wird auch wieder Wochenenden geben, an denen es für ihn schwierig werden wird, unter die ersten Zehn zu fahren. Valentinos Hauptproblem ist bislang wie schon angesprochen seine mangelnde Konstanz. Und er hat ja in unserem Interview offen eingeräumt, dass nicht mal er selbst so wirklich versteht, warum etwas auf der einen Strecke mal funktioniert, und dann am anderen Tag auf einer anderen Strecke wieder nicht. Gerade für einen Piloten mit so viel Erfahrung und einer solchen Truppe im Hintergrund ist das natürlich ein großes Fragezeichen. Man kann nur für ihn hoffen, dass sie jetzt über die Sommerpause gemeinsam den Reset-Button finden, um dann mit einem frischen Mindset ins zweite Halbjahr reinzugehen.

Aktuell steht er bei Yamaha ja nur noch diese und nächste Saison unter Vertrag. Sollte er auch weiterhin nicht regelmäßig siegfähig sein – was sagt Dir Dein Gefühl: Macht der „Doctor“ nach 2020 Schluss?
Das kann gut möglich sein. Ich denke schon, dass er mit seinen 40 Jahren genügend Weitsicht hat um zu erkennen, wenn das alles in der MotoGP für ihn mehr Qual wird als Lust. Und er hat ja schon öfter erwähnt, dass er in Zukunft im Motorsport noch viele schöne Sachen plant, auch auf vier Rädern. Sollte er also für sich selbst zu dem Schluss kommen, dass es für regelmäßige Fahrten aufs Podium nicht mehr reicht, besteht denke ich schon die Gefahr, dass uns Valentino Ende 2020 als Fahrer verloren geht. Aber meine Güte, dann ist er auch schon fast 42! (Lacht) Ich hoffe schon immer noch darauf, dass er dieses Jahr trotz aller Probleme noch einige gute Wochenenden zeigen und seine unzähligen Fans beglücken wird. Aber klar ist: Allzu lange darf es so nicht weitergehen, denn sonst verliert glaube ich sogar der „Doctor“ die Lust.

Lass‘ uns abschließend noch auf die nächsten Rennen vorausschauen: Mit Brünn Anfang August und eine Woche später in Spielberg stehen zwei Grands Prix auf dem Programm, bei denen die Fans in Sachen Stimmung regelmäßig die Tribünen abreißen. Worauf können wir uns dabei sonst noch freuen?
Ich glaube, wir werden extrem motivierte Rennfahrer am Start sehen. Weil sie einfach diese Zeit weg vom Motorrad nutzen, um wieder aufzutanken, und die meisten von ihnen gar nicht draufsitzen. Ein komplettes Aus eben – mit dem Ergebnis, dass Du danach wieder in gierige Rennfahrer-Augen schaust, die leuchten und flackern. Und gerade Brünn und Spielberg sind zwei Power-Strecken mit extrem schnellen Passagen und langen Geraden. Speziell natürlich Spielberg, wo die Ducati für mich auch weiterhin das Favoriten-Bike ist. Brünn dagegen ist nicht so sehr Ducati-Land – da sind die Hondas und die Yamahas auch sehr stark, weil der Kurs trotz Power-Abschnitten mit vielen langen, schönen Kurven gespickt ist. Zwei sehr unterschiedliche Strecken respektive Rennen also, deren Ausgang für den weiteren Saisonverlauf entscheidend werden wird. Extrem wichtig für diejenigen Piloten, die doch nochmal voll auf Attacke gehen wollen. Oder andersherum: Zwei Marquez-Siege, und dann wäre spätestens danach die Meisterschaft wohl endgültig entschieden…

Interview: Oliver Kluth