Als einziger MotoGP-Hersteller beteiligte sich Yamaha nicht am Protest gegen Ducatis Hinterrad-Flügel: Lin Jarvis nennt mehrere Gründe für diese Entscheidung.

Als der Hinterrad-Flügel von Ducati vier MotoGP-Teams nach dem Saisonauftakt in Katar zum Protest veranlasste, hielt sich ein Hersteller bewusst bedeckt: Yamaha. Er schloss sich der Beschwerde von Honda, Aprilia, KTM und Suzuki nicht an und verlor lange Zeit kein Wort über den Streit, der sogar vor dem FIM-Berufungsgericht landete.

Gegenüber ‚Crash.net‘ hat Yamaha-Renndirektor Lin Jarvis nun erklärt, warum man sich aus allem heraushielt: „Einen Protest zu machen, ist ein ziemlich mutiger Schritt, und er hat auch Konsequenzen, öffentliche Konsequenzen. Denn du positionierst dich, bezahlst eine Protestgebühr und nimmst einen ganz bestimmten Kurs ein.“

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Im Gegensatz zu den anderen Herstellern habe sich Yamaha nicht in der Position gesehen, diesen Weg mitzugehen. „Wir hatten keine entschiedene Meinung, was die Situation anging“, sagt Jarvis. Das lag vor allem daran, dass Yamaha eine ähnliche Vorrichtung im Vorjahr bereits selbst entwickelt und zum Einsatz gebracht hatte.

Überzogen: Jarvis sieht Protest nur als letztes Mittel

„Natürlich hatten wir vorher ein ähnliches Bauteil an der Schwinge bei Regen eingesetzt. So gibt es manchmal Situationen, in denen du dich sehr persönlich engagierst, von etwas überzeugt bist und dich anschließt. Und es gibt andere Zeiten, in denen du das nicht machst und sagst: ‚Tu, was du tun willst'“, weiß der Yamaha-Renndirektor.

Dass man sich dem Protest verwehrte, lag auch daran, dass das Problem aus Sicht von Lin Jarvis in der Herstellervereinigung MSMA (Motorcycle Sports Manufacturers‘ Association) hätte besprochen werden müssen. Dort hat jedes Werk die Möglichkeit, Sorgen und Einwände zu äußern, bevor es zu einem öffentlichen Protest kommt.

„Die Frage ist, warum es nicht in der MSMA angesprochen wurde“, sagt Jarvis. „Wenn es in der MSMA angesprochen und keine Übereinkunft gefunden worden wäre, okay, dann können sie es auf eine andere Ebene bringen. Wir haben aber nicht wirklich versucht, es zuerst in der MSMA zu lösen.“ Das hatte Gigi Dall’Igna scharf kritisiert.

Causa Ducati hat neues Bewusstsein geschaffen

Ohne für den Ducati-Rennchef Partei zu ergreifen, meint auch Lin Jarvis, der Protest beim ersten Grand Prix sei „ein aggressiver Zug“ gewesen. „Die Folgen sind zudem ziemlich gravierend, denn im Falle eines Sieges – und ich will nicht beurteilen, ob es richtig oder falsch war -, hat das Konsequenzen für das Ergebnis, den Sport und den Sieger.“

Denn hätte das FIM-Berufungsgericht anders entschieden, hätte Rennsieger Andrea Dovizioso seine 25 Punkte im schlimmsten Fall verlieren können. „Ich denke nicht, dass wir diesen aggressiven Weg im Allgemeinen hier einschlagen müssen. Wir sollten in der Lage sein, einen Konsens über den richtigen und falschen Weg zu finden“, sagt Lin Jarvis.

Er hat die Hoffnung, dass die Causa Ducati wichtige Lehren für die Zukunft gebracht und ein neues Bewusstsein geschaffen hat. „Vielleicht ist das eines der positiven Ergebnisse“, so Jarvis, „und wir sind uns völlig einig, dass die Vorschriften besser definiert und konsequenter kontrolliert werden müssen. Das ist zweifellos so.“

FIM, Dorna und MSMA in der Pflicht für klare Regeln

Genaue Regeln würden auch Technikdirektor Danny Aldridge entlasten, der im Zuge des Protests ins Kreuzfeuer geraten war. Er musste sich rechtfertigen, warum er den Ducati-Flügel vor Saisonbeginn überhaupt durchgewunken hatte. Im Vorhaben, die Regeln zu präzisieren, sieht Jarvis auch die MSMA in der Pflicht.

„Ich würde sagen, die Hauptforderung ist, viel bessere und klarere Definitionen zu haben. Könnte die MSMA Teil dieses Prozesses sein? Auf jeden Fall. Die FIM, Dorna, die MSMA, wir alle müssen zusammenkommen und die Professionalität dieses Prozesses erhöhen. Das ist sicher“, hält er fest und sieht weiter Handlungsbedarf.

Denn klar sind die Regeln noch immer nicht, wenn man sich anschaut, wie Honda seine Version eines Hinterrad-Flügels bei Aldridge durchboxte. Im Freitagstraining von Texas testete Weltmeister Marc Marquez sie erstmals im Rahmen eines Rennwochenendes. Aprilia arbeitete während eines privaten Tests nach dem Rennen daran.

Yamaha will Entwicklung der Konkurrenz folgen

Noch hat Yamaha nicht nachgezogen. Doch Valentino Rossi drängt darauf, in diese Richtung zu arbeiten, und Renndirektor Lin Jarvis kündigt an: „Wir werden es uns ohne Zweifel ansehen. Der Fall hat gezeigt, dass das Bauteil den Hinterreifen nach Gigs Angaben um sieben bis acht Grad kühlen sollte. Das ist ziemlich beachtlich.“

„Wir waren die Ersten, die dachten, wenn wir etwas dorthin tun, könnten wir vielleicht etwas Wasser vom Reifen bei Regen fernhalten. Gigi hat erklärt, dass der Gedanke, etwas Ähnliches zu tun, zuerst vom Anblick der Yamaha kam. Wenn es jetzt legal ist, damit die Reifenlebensdauer zu verlängern, müssen wir es uns natürlich ansehen.“

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