Was passiert, wenn ein Informatiker einmal etwas mit seinen HĂ€nden tun möchte und dabei auf Holz stĂ¶ĂŸt. Die Geschichte von David Wagner, der auszog, um die Herausforderung zu suchen, und dabei seine Berufung als Pfeifenmacher fand.

Text: Uschi Korda, Fotos: Philipp Horak

Sie ist klein, geradezu winzig, die Werkstatt von David Wagner in der NĂ€he des Traunsees. Und sie ist voll, geradezu angerammelt, nicht nur mit sĂ€mtlichen Utensilien, Werkzeugen und Apparaturen, die man zum Pfeifenschneiden braucht. Mittendrin in diesem Stillleben der Handwerkskunst ziert eine Weltkarte den letzten Flecken freier Wand, lĂŒmmelt eine Flasche Whisky mit einer Flasche Rum aus Kuba auf dem Arbeitstisch und hĂ€ngt ein Druck von Edvard Munchs „Tanz des Lebens“ unter einem windschiefen Regal. Filigran flattert das GemĂ€lde im dezenten Luftzug und macht auf sich aufmerksam. Es sei sein Lieblingsbild, sagt David Wagner, weil es fĂŒr ihn irgendwie sein Leben symbolisiere. Nur nicht erstarren, so wie das Paar und die beiden Damen im Vordergrund. Besser sich lustvoll bewegen wie die Tanzenden im Hintergrund, selbst wenn man sich auf unbekanntes Terrain wagt.

David Wagner ist ein zufriedener Mensch. Er ist leidenschaftlicher Pfeifenraucher und leidenschaftlicher Pfeifenschneider. (Foto: Philipp Horak)

Handgefertigte Maßarbeit

Mut, Leidenschaft, Neugier und eine Portion BlauĂ€ugigkeit sind es, die den geborenen Ohlsdorfer dorthin gebracht haben, wo er heute zur Elite zĂ€hlt. Er gehört weltweit zu den besten 20 Pfeifenmachern, und er ist der Einzige, der sich auf Maßanfertigungen spezialisiert hat.

Wie er so dasteht in seiner blauen Arbeitslatzhose, fest mit beiden Beinen am Boden, und genussvoll den Rauch einzieht, weiß man gleich: Von diesem Mann wĂŒrden auch wir eine Pfeife kaufen. Selbst wenn wir sie nie rauchen, allein ihr Anblick wĂŒrde uns immer wieder aufs Neue erfreuen.

Ganze drei mechanische GerÀte gibt es in seiner Werkstatt. Eines ist das Schleifband, dazu kommen ein Sandstrahler und eine Schleifscheibe. (Fotos: Philipp Horak)

Die handgeschnittenen Pfeifen von David Wagner finden Sie in unserem Online-Shop Servus am Marktplatz.

„Ist auch schon passiert“, lacht David Wagner ĂŒbers ganze Gesicht, „mein jĂŒngster Kunde war 15, kam mit seinen Eltern und hat einfach nur schöne Pfeifen gesammelt.“ So zumindest die offizielle Elternversion. Wagner selbst war ebenfalls 15, als er das erste Mal heimlich die Pfeife seines Vaters mit Zigarettentabak stopfte. Ob es ein Genuss war, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Es war aber ein Erlebnis, das sich in seinem Hirn einbrannte. Feuer und Rauch – das habe ihn an die AnfĂ€nge der Menschheitsgeschichte erinnert, sagt Wagner. Deshalb gibt es heute, knapp 30 Jahre spĂ€ter, bei ihm auch eine „archaic“-Linie, die von alten Steinzeitpfeifen inspiriert ist.

Zum richtigen Pfeifenraucher wurde Wagner, als er so um die 30 war. Da dann aber wirklich aus Freude am Genuss, sagt er. Und dass er niemals eine Pfeife nur nebenbei paffen wĂŒrde. Wenn er sich eines seiner GerĂ€te anzĂŒndet, muss er erstens Ruhe haben und zweitens allein sein. Als Untermalung genĂŒgt ihm das Rauschen des Baches hinterm Haus, ab und zu auch klassische Musik.

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Auf der Suche nach dem Sinn

Pfeifenrauchen wurde fĂŒr Wagner zum Hobby, vom Pfeifenmachen aber war er noch meilenweit entfernt. Der studierte Informatiker arbeitete damals als Computersystementwickler bei Siemens in Wien und verlor dort zusehends den Sinn seines Seins aus den Augen.

Du arbeitest nur mit dem Kopf, bist Teil eines riesigen Systems und siehst nie ein fertiges Endprodukt von dir.

David Wagner ĂŒber seinen ersten Brotberuf

Bevor er solcherart zur erstarrten Figur verkam, war Wagner einfach mutig. Er schmiss den sicheren Job hin, zog an den Traunsee – und begann mutterseelenallein einen Holzkatamaran zu bauen, um damit die Welt zu umsegeln. BlauĂ€ugig ja, sagt er heute, jedoch der erste Schritt dorthin, wo er jetzt steht. Davor habe er nie mit Holz gearbeitet, 2.200 Stunden und drei Jahre spĂ€ter wusste der TĂŒftler aber schon sehr genau, wie man mit diesem Material umgeht. Und noch eines wusste er ganz genau: Mit diesem Boot wĂŒrde er niemals den Erdball umrunden. Erstens sei es – AnfĂ€ngerpech – dafĂŒr zu klein konzipiert gewesen. Zweitens aber hĂ€tte ihm diese Zeit gezeigt, dass ihm weniger das Segeln Spaß mache als vielmehr die Herausforderung, etwas Perfektes mit den eigenen HĂ€nden herzustellen. Womit wir jetzt endlich bei den Pfeifen sind.

Lieber kleine Pfeifen als große Boote

Noch ein Boot kam nĂ€mlich nicht infrage. GemĂ€ĂŸ seiner Lebensphilosophie, nur so viel Zeugs um sich herum anzuhĂ€ufen, dass man am nĂ€chsten Tag alles zusammenpacken und einfach weiterziehen kann, waren die Schiffernakel einfach zu groß. Die kleinen Pfeifen aber waren handlich, ebenfalls aus Holz, und Wagner wurde vom passiven Raucher zum aktiven TĂ€ter.

Vielleicht, weil der Perfektionist davor nie eine Pfeife hatte, die seinen individuellen BedĂŒrfnissen vollkommen entsprach. Schließlich gibt es da ja enorme Unterschiede. Einer hĂ€lt sie beim Rauchen lieber in der Hand, da darf der Pfeifenkopf nicht zu heiß werden. Ein anderer klemmt sie fortwĂ€hrend zwischen den ZĂ€hnen ein, dafĂŒr muss das MundstĂŒck hart genug sein, sonst ist es sofort abgekaut. Sogar auf Links- oder RechtshĂ€ndigkeit kann RĂŒcksicht genommen werden, wenn man sich so ein maßgeschneidertes RauchgerĂ€t von David Wagner zulegt.

Vielleicht aber auch, weil ihn die Herausforderung lockte, den einfachen und doch komplexen Mechanismus des Durchzugs zu durchschauen und mit höchster PrÀzision so zu verfeinern, dass er immer funktioniert.

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Das RĂ€tsel des perfekten Durchzugs

Wie das genau geht, ist Wagners Geheimnis. Nur so viel wird verraten: Es hat etwas mit der Lenkung des Luftstroms im MundstĂŒck ĂŒber eine V-förmige AuffĂ€cherung eine runde gebohrte Öffnung zu tun, die letztendlich aber oval geschliffen wird. Wenn Wagner heute durch ein MundstĂŒck die Luft ansaugt, merkt er gleich am GerĂ€usch, ob es gut zieht oder nicht. Was auch Laien wie wir verstehen: Der Pfeifenkopf wird aus der Baumheide Erica arborea, auch BruyĂšre genannt, einem knorrigen Strauch aus dem Mittelmeerraum, geschnitten. Dieses Holz ist hitzebestĂ€ndig und hat eine schöne Maserung, zumeist ohne störende EinschlĂŒsse, weil es recht langsam wĂ€chst. Die Baumheide wird von Coupeuren, wie die BruyĂšre-Sammler genannt werden, 20 Stunden lang ausgekocht, damit sie keine Bitterstoffe mehr enthĂ€lt.

Die besten StĂŒcke, die unter dem Rindenbereich liegen, sucht sich Wagner bei vier MĂ€nnern seines Vertrauens in Italien und Marokko aus und lĂ€sst sie zwei Jahre lang bei sich zu Hause reifen, bis sie den richtigen Feuchtigkeitsgehalt haben und beim Schleifen nicht aufreißen. Wenn Wagner mit so einem StĂŒck Holz zur Schleifscheibe geht, weiß er nicht genau, was daraus wird. Die Form lasse sich schon erahnen, sagt er, im Endeffekt bestimme aber die Holzmaserung, wie die Pfeife dann aussieht. Und die Maserung komme erst beim Schleifen zum Vorschein, von ihr lasse er sich kreativ leiten. BerĂŒhmt aber ist Wagner fĂŒr seine gefĂŒhlvolle Sandstrahltechnik, mit der er aus der Maserung einen 3-D-Effekt herausholt, in dem man stundenlang versinken kann.

Die meiste Arbeit beim Pfeifenschneiden sei das Schleifen des Holzes, sagt Wagner. Deshalb darf man auch nie Pfeifenschnitzer zu ihm sagen. (Foto: Philipp Horak)

Rauchgenuss durch viele Details

Ebenfalls einzigartig: Erst wenn der Kopf seine Form hat, bohrt Wagner die Tabakkammer und das Loch fĂŒr den Durchzug. Diese mĂŒssen exakt und stufenlos miteinander verbunden sein. In das Ausgangsloch wird dann das MundstĂŒck aus Kautschuk mittels eines Teflonzapfens eingesetzt. Man könne den Zapfen auch direkt aus Kautschuk machen, erklĂ€rt Wagner, Teflon sei allerdings bruchsicherer und thermisch stabil, was nicht unwesentlich fĂŒr den Rauchgenuss ist.

Zu lernen gibt’s immer etwas

Sechs Jahre lang acht Stunden tĂ€glich habe er gebraucht, sagt Wagner, bis er sein Handwerk verstanden habe. Zwar lerne er jetzt noch immer, aber das mit den acht Stunden gehe er entspannter an. Und ĂŒberhaupt sei wohl wieder etwas Abwechslung angesagt, bevor er hier ganz erstarre. Langsam krĂ€uselt sich der Rauch um seine Nase, wĂ€hrend David Wagner ĂŒber die Botanik sinniert. Grad als wir befĂŒrchten, er wĂŒrde uns etwa als HolzfĂ€ller in Alaska abhandenkommen, setzt er endlich nach: „Ich könnt ja mein Zeug packen und nach Triest gehen. FĂŒr meine Pfeifen brauch ich nicht viel, die kann ich ĂŒberall machen.“

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