Wohnen, Hausbesuch, Holz, Veranda
Foto: Harald Eisenberger

Hausbesuch am Grundlsee

Eine alte Sommervilla am Grundlsee aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist seit 50 Jahren in Besitz eines oberösterreichisch-kärntnerischen Ehepaars. Und sie hat sich mit den Bewohnern im Laufe der Zeit gewandelt, ohne ihre Patina zu verlieren.
Text: Uschi Korda, Fotos: Harald Eisenberger

Am schönsten“, sagt Helmut Niedersüß, „ist das Schwimmen ganz in der Früh.“ Wir lehnen am Holzgeländer der Antoni-Villa in Grundlsee, wo uns der See wie eine Einladung zum Eintauchen zu Füßen liegt. Spiegelglatt und dunkelgrün blitzt das Wasser durch die riesigen Ulmen, die die Uferstraße säumen, umringt von den mächtigen Gipfeln des Toten Gebirges – und das alles unter dem Baldachin eines strahlend blauen Sommerhimmels. Nein, denkt man sich im Stillen, Postkarten aus dieser Ecke des Salzkammerguts scheinen wirklich nicht zu lügen.

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Auch das Haus steht so harmonisch mittendrin in dieser Landschaftspracht, als hätte es ein Maler dorthin gepinselt. Eine ehemalige Ausseer Sommerresidenz, typisch in der Architektur, bis zum ersten Stock gemauert, darüber aus festem dunklem Holz gezimmert.

Errichtet wurde sie vermutlich 1873 – ganz genau lässt sich das nicht mehr feststellen – von einem Rechtsanwalt aus München und wechselte bis zu den 1960er-Jahren mehrmals den Besitzer. Einer davon dürfte passionierter Hobbymaler mit einem Faible für Blau und Blümchen gewesen sein, sagt Helmut. Ein paar alte Möbel und einige Holzdecken musste die Familie Niedersüß später nämlich erst von der liebevollen Behübschung befreien, damit sie wieder atmen und authentisch sein konnten.

Ein Domizil für den Bergsteiger

Vor 50 Jahren jedenfalls erwarb der Vater von Helmut, ein gebürtiger Welser und leidenschaftlicher Bergsteiger, das Haus in einer Gegend, die ihm mehr vertraut war als der Rest von Österreich. Schon als Jugendlicher sei der Vater, sagt Helmut, jeden Freitag nach der Arbeit mit dem Zug nach Obertraun gefahren, fünf Stunden auf die Simonyhütte gestiegen, um am nächsten Tag einen Berggipfel zu erklimmen. Allzu lange konnte sich der oberösterreichische Unternehmer allerdings nicht an seinem Sommerdomizil erfreuen. Als er 1966 plötzlich verstarb, ging das Landhaus an Sohn Helmut. In baulich tadellosem Zustand, mit neuen Leitungen für Strom und Wasser.

Auch an der Einrichtung gab es nichts zu mäkeln, hatten die Eltern doch eine Innenarchitektin beschäftigt, die bereits Vorhandenes, also auch Blaues und Geblümtes, stilsicher mit altdeutschem Mobiliar kombiniert hatte. Und doch hat sich das Haus in den letzten fünf Jahrzehnten verändert. Nicht radikal, es ist vielmehr langsam mit seinen Bewohnern zusammengewachsen.

Man ändere sich im Laufe seines Lebens, sagt Karin Niedersüß, die aus Wolfsberg in Kärnten stammt, und das Haus habe sich mit ihnen gewandelt. Als Erstes habe man jedenfalls ein Badezimmer eingebaut. 17 Betten waren in den Zimmern auf den drei Ebenen – Erdgeschoß, erstem Stock und ausgebautem Dach – verteilt gewesen, sagt Karin, aber alle nur mit Waschschüsseln bestückt.

Mittlerweile hat man fünf Badezimmer, drei davon befinden sich raumsparend in den Zwischenebenen eines Zubaus beim Stiegenhaus. Und mit zwei Söhnen und einer Tochter sowie insgesamt sieben Enkelkindern musste Familie Niedersüß die Räume in den oberen Stockwerken immer wieder lebensphasenkompatibel umdrehen.

Auch die dampfbetriebene Heizung musste alsbald einer modernen Zentralheizung weichen, und weil die damals noch kleinen Kinder am liebsten auf dem Holzboden im Erdgeschoß spielten, wurde eine Isolierung in Angriff genommen.

Dabei stellten sich zwei Dinge heraus: Erstens ist das Gebäude nur zu einem Drittel unterkellert, weil der Rest auf einem Felsen steht. Zweitens entdeckte der Hausherr in der Veranda eine Falltür, die zu einem unterirdischen Versteck mit Pritsche und Bücherregal führte. Vermutlich ein Relikt aus einem der beiden Weltkriege, sagt Helmut, der leider nicht viel mehr darüber herausfinden konnte. Und bitte pst, aber wenn man heute eines der Enkerln sucht, wisse man natürlich, wo man zuerst nachschauen muss und fast immer fündig wird.

Eine Leibrente für den Zimmermann

Er habe immer schon großen Respekt vor guten Handwerkern gehabt, sagt Helmut, der seinerzeit in Kärnten den ersten Baumarkt Österreichs eröffnet hat. Im Ausseer Land hat er da richtiges Glück, weil es hier noch die Spezialisten gibt, die nach alter Tradition arbeiten.

So ein Holzhaus, sagt Helmut, sei ja eine Leibrente für jeden Zimmermann. Permanentes Streichen und Einlassen draußen, sukzessives Renovieren und Reparieren drinnen. Wobei das Paar immer darauf achtete, dass die historische Patina nicht verlorengeht.

Bei den dunkelgrünen Holzfensterläden zum Beispiel, die sich nach Salzkammergut-Art zur Hälfte von unten nach oben klappen lassen, damit die Räume genügend Licht haben. Oder beim Holzboden im Wohnzimmer, bei dem Helmut beim Herrichten darauf bestanden hat, dass der Tischler die alten Trittstellen nicht akkurat wegschleift. Das würde nicht zur Einrichtung passen, in die Helmut und Karin im Laufe der Jahre zum Altdeutschen gefühlvoll Renaissance- und Barockstücke gemischt haben.

Das klingt jetzt ein bissel bunt zusammengewürfelt, ist es aber nicht, weil jedem Teil hier sein Platz zur optimalen Wirkung gelassen wird. Auch der bildenden Kunst, die einen großen Teil des Lebens der Niedersüßens bestimmt. Bereits sein Vater sei ein Sammler gewesen, sagt Helmut, und bei ihrem eigenen Einstieg hätten sie eine kurze Biedermeier-Phase gehabt. Mit betulichen Landschaften, Bächen und so. Vor vierzig Jahren entdeckte das Ehepaar die moderne Kunst für sich, und seither beschäftigen sie sich mit jungen Künstlern vorwiegend aus Kärnten.

Moderne und alte Kunst

Manche davon sind natürlich auch schon in die Jahre gekommen wie etwa Hans Staudacher, von dem eine sechsteilige Bilderreihe aus dem Jahr 1962 die Wand im Wohnzimmer über einer alten italienischen Truhe ziert. Oder leider verstorben wie Kiki Kogelnik, von der einer ihrer charakteristischen Köpfe gleich vis-à-vis hängt. Manche haben ihre große Zeit noch vor sich, wie der knapp 30-jährige Wolfsberger

Kevin A. Rausch, dessen kraftvolle Bilder das Stiegenhaus zur Galerie umfunktionieren. Und wieder andere hat ihre Kompromisslosigkeit zum Erfolg geführt, wie die Objektkünstlerin Meina Schellander, von der ein paar ihrer raren Zeichnungen auf Transparentpapier ebenfalls das Treppenhaus schmücken.

Seine Frau, sagt Helmut, habe ja anfangs gefunden, dass das Moderne nicht ins Haus und die Gegend passe. Jetzt, und Karin nickt zustimmend, finde sie diese Spannung sehr reizvoll. Damit die Kunst ihren Platz findet, hat Karin im ganzen Haus die Wandappliken abmontiert, die eh nur schummriges Licht gaben, und dort Bilder aufgehängt. Richtig ausgeleuchtet von kleinen Spots an der Holzdecke.

Da das Haus groß genug ist, findet sich natürlich jede Menge Altes mit Geschichte darin. Die Porträts von Helmuts Eltern über einer alten Kirchenbank zum Beispiel, umrahmt von Krickerln, allesamt Trophäen des Hausherrn und passionierten Jägers.

Dort lohnt es sich übrigens Platz zu nehmen, wenn man sich an einem, sagen wir einmal, Regentag, was ja hier durchaus vorkommen kann, mit dem üppigen Stammbaum der Familie beschäftigt, der bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Im unteren Drittel, im 18. Jahrhundert, taucht dort Abt Matthäus Offner auf, der die Bibliothek in Stift Admont erbaut hat.

Und ganz oben in der mächtigen Krone steht als einer der drei Niedersüß-Kinder Andreas, der gerade mit der Kunstmeile „Viertel Neun“ in Wien-Alsergrund auf sich aufmerksam macht. Und der ebenso wie seine Geschwister jedes Jahr samt Familie an den Grundlsee kommt. Zur Sommerfrische. Und natürlich, um in den tiefgrünen See einzutauchen.

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