Inzell im Herbst
Foto: Inzeller Touristik GmbH

72 Stunden unterwegs beim Michaeliritt in Inzell

Ende September steht Inzell im Zeichen des Michaeliritts. Wir waren drei Tage vor Ort, begleiteten die Rosserer bei den Vorbereitungen, kehrten auf der Moaralm ein und erlebten den traditionellen Pferdeumritt.
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Zwischen Chiemgauer Bergen, Wiesen und Wäldern liegt der oberbayerische Luftkurort Inzell. Wer Ende September hierherkommt, erlebt einen Ort, in dem Pferde und Brauchtum für ein Wochenende den Takt vorgeben.

Dann findet der Michaeliritt statt – ein traditioneller Pferdeumritt, bei dem festlich geschmückte Rösser, Kutschen, Musikkapellen und Vereine durch Inzell bis zur Frauenkirche in Niederachen ziehen. Dort werden die Pferde gesegnet.

Doch bevor sich der Festzug am Sonntag in Bewegung setzt, gibt es einiges vorzubereiten. Wir haben 72 Stunden in Inzell verbracht, Menschen getroffen, die den Brauch mittragen, den Rosserern über die Schulter geschaut und dabei erlebt, wie eng hier Pferde, bäuerliche Geschichte und Gemeinschaft miteinander verbunden sind.

Unsere Unterkunft

Ausgangspunkt für unsere drei Tage sind die Ferienwohnungen der Familie Waldherr. Von hier erreichen wir sowohl das Inzeller Ortszentrum als auch unsere weiteren Stationen schnell. Nach den Ausflügen des Tages ist die Ferienwohnung unser Rückzugsort. Vor dem Fenster liegen die Chiemgauer Berge, drinnen bleibt genügend Platz, um die Eindrücke zu sortieren und den nächsten Tag zu planen.

Tag 1 – Einkehr auf der Moaralm

Unser erstes Ziel liegt etwas oberhalb von Inzell: die Moaralm am Kleinen Kienberg auf rund 800 Metern Seehöhe. Nach einem kurzen Fußmarsch durch Wald und Wiesen erreichen wir die Almwirtschaft mit Blick auf das Wilde Moos.

Die Moaralm ist nicht nur ein Ziel für Wanderer. Während wir auf der Terrasse Platz nehmen, kommen Familien vorbei, Kinder beobachten die Tiere rund um die Alm, und auf den Wiesen rundherum ist einiges los.

Gastgarten der Moaralm in Inzell
Foto: Katharina Würdinger
Gastgarten der Moaralm in Inzell

Eine Alm für die ganze Familie

Ziegen, Ponys und Rinder gibt es rund um die Moaralm zu entdecken. In der Nähe liegt außerdem ein Abenteuerspielplatz – praktisch für Familien, die eine kurze Wanderung mit einer Einkehr verbinden möchten.

Bewirtschaftet wird die Alm von Peter Flatscher. Vieles, was auf den Tisch kommt, wird selbst zubereitet. Wir probieren frisch gebackenen Kuchen und Kaiserschmarrn. Dazu gibt es Käse aus Demeter-Milch und klassische Brotzeiten. Ein unkomplizierter Einstieg in unser Wochenende – und ein erster Vorgeschmack auf das, was Inzell abseits des großen Festtages ausmacht.

Schmankerl, Ziegen und Almglück auf der Moaralm

Tag 2 – Zu Besuch bei den Rosserern

Am Samstag rückt das in den Mittelpunkt, worum sich beim Michaeliritt alles dreht: die Pferde. Für den Umritt am nächsten Tag werden sie gestriegelt und herausgeputzt, Geschirre kontrolliert, Kutschen vorbereitet und mit Blumen geschmückt. Wir dürfen bei Franz Reiter, dem Chef der Rosserer, vorbeischauen und die Vorbereitungen aus nächster Nähe miterleben.

Schnell wird klar, wie viel Arbeit hinter jenem Bild steckt, das die Besucher am Sonntag sehen. Jeder Handgriff sitzt. Während die einen das Geschirr überprüfen, kümmern sich andere um den Blumenschmuck oder bereiten die Wagen vor. Zwischendurch bleibt Zeit für Gespräche. Dabei erfahren wir, welche Bedeutung Pferde hier über Generationen hinweg hatten – nicht nur bei Festen, sondern vor allem im bäuerlichen Alltag.

Stute Madonna und Franz Reiter beim Rosswaschen
Foto: Katharina Würdinger
Stute Madonna und Franz Reiter beim Rosswaschen

Wenn aus Arbeit Brauchtum wird

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert waren Pferde auf vielen Bauernhöfen unverzichtbar. Sie halfen bei der Arbeit auf den Feldern, zogen Wagen und transportierten Menschen, Holz und andere Güter. Mit der Motorisierung verschwanden viele dieser Aufgaben. Beim Michaeliritt wird die enge Verbindung zwischen Mensch und Pferd dennoch sichtbar gehalten.

Dabei geht es nicht nur um schön geschmückte Tiere. Der Umritt erzählt auch von bäuerlicher Arbeit, vom Wissen über Pferde und von einer Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und während wir bei den Vorbereitungen zusehen, verstehen wir, warum der Michaeliritt für viele Inzeller weit mehr ist als ein Programmpunkt im Veranstaltungskalender.

Blumenschmuck und Rossperücken beim Inzeller Michaeliritt
Foto: Katharina Würdinger
Blumenschmuck und Rossperücken beim Inzeller Michaeliritt

Tag 3 – Der Michaeliritt in Inzell

Am Sonntagmorgen merkt man früh, dass dieser Tag ein anderer ist. Im Ortszentrum beginnt das Festprogramm, am Busbahnhof findet ein Handwerker- und Brauchtumsmarkt statt, und immer mehr Menschen sind unterwegs.

Wer zeitig kommt, kann den Tag mit dem Festgottesdienst zum Patrozinium des heiligen Michael beginnen. Danach folgt ein musikalischer Frühschoppen, während sich Inzell langsam auf den Höhepunkt des Wochenendes vorbereitet. Dann werden auch die Pferde sichtbar.

Kutsche mit Blasmusik, Inzell Michaeliritt
Foto: Julia Redhammer
Die Musikkapelle spielt den ganzen Michaeliritt hindurch.

Der große Pferdeumritt

Am frühen Nachmittag sammeln sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer rund um den Badepark und die Schwimmbadstraße. Pferde werden geführt, letzte Details am Geschirr kontrolliert, Kutschen aufgereiht und die Musikkapelle bringt sich in Position.

Kurz darauf setzt sich der Festzug in Bewegung. Je nach Beteiligung ziehen rund 180 Pferde, dazu Kutschen, Musikkapellen und Vereine durch Inzell. Die Strecke führt durch den Ort zur Frauenkirche in Niederachen. Dort findet einer der zentralen Momente des Michaeliritts statt: die Segnung der Pferde. Anschließend führt der Umritt über die Schmelzer Straße und die Traunsteiner Straße zurück Richtung Schwimmbadstraße.

Wer am Straßenrand steht, erlebt den Michaeliritt aus nächster Nähe: das Läuten der Glocken am Pferdegeschirr, die Schritte der Tiere auf der Straße, dazwischen Musik und immer wieder bekannte Gesichter, die einander zuwinken. Vor allem aber wird sichtbar, wie viele Menschen aus Inzell und Umgebung an diesem Tag beteiligt sind. Vereine, Rosserer, Musikerinnen und Musiker, Familien und Helfende machen aus dem Umritt ein Gemeinschaftswerk.

Der Michaeliritt ist in Inzell tief verwurzelt. Unzählige Vereine beteiligen sich an diesem Spektakel.

Michaeli-Fest am Badepark

Mit dem Ende des Umritts ist der Festtag noch nicht vorbei. Am Badepark geht es beim Michaeli-Fest weiter. Hier wird gegessen, musiziert und zusammengesessen. Die Musikkapelle Inzell begleitet den Nachmittag, für Kinder gibt es ein eigenes Programm. Nach dem Trubel entlang der Strecke ist es ein geselliger Abschluss unseres Wochenendes – und die Gelegenheit, noch ein wenig länger mitten im Inzeller Dorfleben zu bleiben.

Trachtenverein Inzell beim Michaeliritt
Foto: Julia Redhammer
Trachtenverein Inzell beim Michaeliritt

Die Geschichte des Michaeliritts

Der Michaeliritt zählt zu den traditionellen Pferdeumritten im Chiemgau. Sein Name verweist auf den heiligen Michael, den Schutzpatron der Inzeller Pfarrkirche. Sein Gedenktag Ende September fiel früher in jene Zeit, in der die arbeitsintensiven Sommermonate auf den Bauernhöfen langsam zu Ende gingen. Pferde spielten dabei eine zentrale Rolle im täglichen Leben: Sie wurden für die Feldarbeit ebenso gebraucht wie für Transporte.

Bis 1950 wurde der Michaeliritt in Inzell regelmäßig veranstaltet. Mit dem Rückgang der Pferdehaltung auf den Bauernhöfen verlor auch der Brauch an Bedeutung. 1990 wurde der Michaeliritt wiederbelebt und ist seither erneut Teil des Inzeller Jahreslaufs. Pferdeumritte haben im gesamten bayerischen Alpenraum eine lange Tradition und häufig einen religiösen Ursprung. Bekannt sind etwa Leonhardi- und Georgiritte, bei denen ebenfalls Pferde und ihre Besitzer unter besonderen Schutz gestellt werden.

Beim Inzeller Michaeliritt steht der heilige Michael im Mittelpunkt. Mit der Pferdesegnung verbindet sich der religiöse Ursprung des Festes mit jener bäuerlichen Geschichte, in der Pferde über Jahrhunderte hinweg unverzichtbare Begleiter waren.

72 Stunden beim Michaeliritt in Inzell

Nach drei Tagen bleibt uns vor allem der Blick hinter die Kulissen in Erinnerung. Wir haben erlebt, wie Peter und Sandra Flatscher mit ihrer Familie die Moaralm bewirtschaften. Wir waren dabei, als die Rosserer ihre Pferde und Kutschen für den großen Tag vorbereiteten. Und wir standen am Sonntag an der Strecke, als sich der Michaeliritt durch Inzell bewegte.

Gerade diese Tage vor dem eigentlichen Umritt zeigen, was hinter dem Brauch steckt: Arbeit, Wissen, gemeinsame Vorbereitung und viele Menschen, die ihn Jahr für Jahr weiterführen. Wer den Michaeliritt nicht nur als Zuschauer erleben möchte, sollte deshalb etwas mehr Zeit mitbringen. Denn Inzell erzählt die Geschichte dieses Festes nicht nur während des Umritts – sondern auch davor und danach.

Was gibt es rund um den Michaeliritt noch zu entdecken?

  • Ortszentrum von Inzell: Rund um den Michaeliritt lohnt sich ein Spaziergang durch das Inzeller Ortszentrum. Historische Häuser, kleine Geschäfte und Gastronomiebetriebe liegen hier nah beieinander. Am Festwochenende wird der Ortskern selbst zum Schauplatz des Geschehens.

  • Moor-Erlebnis-Pfad: Wer die Landschaft rund um Inzell näher kennenlernen möchte, kann den Moor-Erlebnis-Pfad erkunden. Der familienfreundliche Rundweg führt durch die Moorlandschaft und vermittelt Wissenswertes über diesen besonderen Lebensraum.

  • Frillensee: Südlich von Inzell liegt der Frillensee am Fuß des Zwiesel. Der kleine Bergsee lässt sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen und gut mit einer Wanderung verbinden.

  • Max Aicher Arena: Inzell ist seit Jahrzehnten eng mit dem Eisschnelllauf verbunden. In der Max Aicher Arena trainieren Sportlerinnen und Sportler auf internationalem Niveau, außerdem finden hier regelmäßig Wettbewerbe statt.

  • Falkensee: Etwas außerhalb des Ortszentrums liegt der Falkensee. Der kleine See ist von Wald umgeben und eignet sich für einen ruhigen Spaziergang abseits des Festgeschehens.