Wohnen, Hausbesuch, Weinberg, Wien, Veranda
Foto: Harald Eisenberger

Hausbesuch in einem Kleinod im Weinberg

Hoch droben über Wien genießt man hier das ländliche Leben. Aus einem einst uncharmanten Heurigen machten die Eigentümer mit viel Gespür ein Schmuckstück, das in jeder Ecke Authentizität verströmt.
Text: Ruth Wegerer, Fotos: Harald Eisenberger

Die pulsierende Metropole Wien steckt voller Überraschungen. Dort, wo zum Beispiel zwischen den Döblinger Bezirkstei­len Nussdorf und Kahlenbergerdorf Wein­gärten und Wienerwald aufeinandertreffen, verbirgt sich in den Hügeln ein wahrhaft idyllisches Kleinod.

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Ein Anwesen wie aus einem Märchenbuch der Biedermeierzeit. Das zartgrün gestrichene Gartentor öffnet sich knarrend und gibt den Weg frei, der versteckt unter alten Weinreben zum Haus hinaufführt.

„Eigentlich wollten wir ja in die Toskana ziehen“, erinnert sich Moni an die Anfänge. Aber dann besann sich die Familie – Regisseur, Musikproduzent und Schriftsteller Franz, seine Frau Moni, Malerin und Designerin, und Tochter Lisa – auf Monis österreichische Wurzeln und begab sich auf die Suche nach einem Haus in Wien. Moni ist zwar gebür­tige Deutsche, durch Monis Vorfahren hatte man aber immer schon eine intensive Beziehung zu Wien.

„Meine Großmutter war Wienerin“, er­zählt sie, „Das hat mich stark geprägt. Nockerln, Gugelhupf, Lieder, Geschichten und der Wiener Dialekt sind mir schon als Kind ans Herz gewachsen.“ Auch Franz teilte den Wunsch seiner Frau nach einem ruhig gelegenen Haus mit Gar­ten, womöglich mit diesem speziellen alt­ wienerischen Flair.

Wohnen, Hausbesuch, Weinberg, Wien, Küche
Foto: Harald Eisenberger
Recht klein war die ehemalige Heurigenküche. Geschickt wurde sie von der Hausherrin mit ein paar eingebauten Kästen eingerichtet. Sogar ein heimeliger Essplatz passt noch hinein und auch das Fensterbrett wird als Stellfläche genutzt.

Schäbig, aber der Zauber war spürbar

Von Flair war dann bei der Besichtigung der vergammelten, alten Heurigenschenke mitten in den Weingärten überhaupt keine Rede. Weniger fantasievolle Leute hätten sich vermutlich abschrecken lassen von dem uncharmanten Haus, das da ein trau­riges Dasein fristete. Ein schäbiges Steinhaus, wahrscheinlich aus den 1950er­Jahren, braun gestrichen, mit einem Holzverschlag, stand mitten im Weinberg. Der Vorplatz und alle Wege erstarrten in grauem Beton, es gab keinen richtigen Garten. Doch Moni spürte den Zauber, der diesen Platz umgab, nicht zuletzt wegen des wunderbaren Blickes über die Stadt auf der einen Seite und auf das Kircherl vom Leopoldsberg gegenüber.

„Als Allererstes“, erzählt die mittlerweile erwachsene Tochter Lisa, „hat die Mami Ro­sen gepflanzt, damit es wenigstens irgend­ etwas Lebendiges hier gibt.“ Der Garten war denn auch, zum Schrecken der Bauarbeiter, das Erste, das in Angriff genommen wurde. „Selbst in der fürchterlichsten Betonabbau­phase“, erinnert sich Moni, „wurde das gesamte neue Material mit der Scheib­truhe hinauftransportiert. Kein Laster und schon gar kein Bagger durften in das Grundstück hineinfahren!“

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Foto: Harald Eisenberger
Die Wiederbelebung des Gartens war das Erste, das die Hausherrin in Angriff nahm. Während der sechsjährigen Renovierungsphase wurde jeglicher Schutt mit der Scheibtruhe hinausbefördert – kein Bagger oder Kran durfte durch den Garten auf das Grundstück.

Als wäre es immer schon dagestanden

„Ganz wesentlich ist die Liebe, die man in ein altes Haus steckt“, sagt Moni. Also hat sie in Nussdorf drunten alte Fenster vermessen und sich mit den Mauern der Dorfhäuser auseinan­dergesetzt. Die Substanz ihres Hauses war völlig marod und musste komplett verbes­sert werden. Das hieß Mauern aufdoppeln, auch um die richtige Tiefe für die Fensternischen erzeugen zu können. Der Keller wurde unter­mauert, und der alte Dachboden, wo einst Chemikalien zum Spritzen des Weingartens lagerten, wurde komplett erneuert und mit Zimmern ausgebaut. Die vergammelte Veran­da musste weggerissen werden und machte einer neuen Holzkonstruktion Platz.

Sechs lange Jahre hat die sensible Reno­vierung gedauert, bis die Familie end­lich einziehen konnte. Doch dann stand es da inmitten der Natur wie eine Selbstverständlichkeit. „Jetzt schaut es wieder so aus wie früher“, erklärt so mancher von den Spaziergängern, die hier öfter vorbeikommen. Natürlich reine Einbildung, denn „nie zuvor hat es hier so ein Haus gegeben“, lächelt Moni.

„Es macht nur jetzt den Eindruck, als wäre es schon immer hier gestanden.“ Wie ein Schmuckstück steht es da und lässt die Familie die jahrelange Mühe, in der man sein tägliches Leben mit Professionisten teilen musste, vergessen. Auch der Besucher fühlt sich auf Anhieb wohl. So viel Individualität spürt man selten in einem Haus, von der Liebe zum Detail gar nicht zu reden.

Gemütliche Zimmer des umgebauten Heurigers

Verliebt in jedes Detail

Jede Kleinigkeit wurde extra angefertigt, auf Fertigteile komplett verzichtet. Für die Böden in den Vorräumen wurden alte, ganz dicke Kelheimer Platten aus Abbruchhäusern abgetragen und neu verlegt, die meisten Türen stammen von Antiquitätenhändlern. „Ich wollte hier einfach nur authenti­sche Teile haben“, erklärt Moni die Akribie, mit der sie ans Werk gegangen war. Selbst für die Holzbohlen der Fußböden wurde altes, abgelagertes Holz verwendet. Das verzieht sich nämlich nicht und sorgte sofort nach dem Verlegen für eine heime­lige Stimmung im sonst noch unwirtlichen Ambiente.

Der Mittelpunkt des Hauses ist jetzt die wunderbare Veranda, die als Wohnraum dient. „Pawlatschen“ sagt man auf gut Wie­nerisch zu so einem hölzernen Vorbau, durch den man normalerweise die Wohn­räume betritt. Die verglaste Holzveranda wurde nach einer Vorlage von Anton Tsche­chows Haus in Jalta, auf der Halbinsel, ge­baut und stammt aus der Werkstatt eines Ausseer Zimmermanns, denn nur dort be­herrscht man diese Kunst bis zur Perfektion.

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Foto: Harald Eisenberger
Vom Vorraum führt eine Treppe mit einem zarten Eisengeländer zu den Räumlichkeiten im ersten Stock. Der Boden wurde mit alten Kelheimer Platten verlegt, der Einbaukasten besteht aus Teilen eines bäuerlichen Schrankes.

Kalkfarbe für die Fassade

Auch die Färbung des Hauses zeugt von Feingefühl und Geschmack. Für die Fassade bestand man – wieder zum Entsetzen der Handwerker: „Das hält ja nie!“ – auf Kalk­farbe. Heute hält diese Färbelung schon 23 Jahre. „Wenn man Kalkfarbe verwendet, muss immer nur abgelagerter Kalk genom­men werden“, verrät uns Moni das Geheimnis. „Und ganz wichtig: immer Pig­mente dazumischen!“

Das einzige Gebäude, das von der frühe­ren Heurigenanlage erhalten blieb, ist der alte Schupfen. Zumindest die äußere Form. Der Hauptraum dient als Abstellkammer, der kleine Raum daneben als Gästezimmer mit ländlich charmanter Möbelierung. Auch die Einrichtung im Haus zeugt vom guten Händchen der Hausherrin. Jedes Möbelstück, jede Lampe, jeder Vorhang wurde mit Bedacht ausgesucht. „So ein bisschen nussdorferisch, weil es ja ganz authentisch werden sollte“, erklärt Moni lächelnd.

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