Wohnen, Hausbesuch, Wohnzimmer, Sofa, Grün
Foto: Susi Biro

Hausbesuch im steirischen Kellerstöckl

Es waren einmal ein Ehepaar, dem die Welt nicht groß genug und kein Land
 zu weit weg sein konnte, und ein verfallenes Kellerstöckl in der Südweststeiermark. Trotz scheinbarer Gegensätze waren die drei füreinander bestimmt.
Text: Susi Biró, Fotos: Harald Eisenberger

Die fantasievollsten Drehbücher schreibt das Leben selbst. So wie das von Felix und seiner Frau Josephine, liebevoll Fini genannt. Er ist eigentlich gebürtiger Grazer. „Aber es wär mir als jungem Mann nicht im Traum eingefallen, in die Südsteiermark zu fahren“, sagt er. Eher zog es ihn mit 25 nach Wien in die große Stadt und von dort, schon mit Fini, weiter in die Welt hinaus. Über viele Jahre waren sie in fernen Ländern abseits der touristischen Trampelpfade unterwegs. Vom Jemen, von Bolivien oder der Mongolei erzählt Felix wie unsereins von einem Ausflug nach Lignano.

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Die Augen der beiden leuchten auch, wenn sie über ihre späteren Reisen durch Frankreich und Italien reden. Über die Weinhänge, das großartige Essen, die bäuerliche Kultur und die sanften Hügel. Sie ahnen es bereits? Genau. Ganz langsam und mit den Jahren wurde die Welt von Fini und Felix doch ein wenig kleiner. Und es traf sich gut, dass sie eines Tages durch den Autor Gerhard Roth und seine Bücher auf diese „vergessene“ Welt der Südweststeiermark aufmerksam wurden. Denn die beiden beschlossen sofort: „Das schauen wir uns an.“

Und siehe da: Hier in der Heimat ist es ein bisschen wie in Frankreich und Italien, hier erinnert die Vegetation an die Toskana, und hier lässt es sich ganz wunderbar leben – das war ihnen gleich klar.

Liebevolle Details machen das alte Kellerstöckl zu einem Schmuckstück.

Ein stummer Fingerzeig zum Glück

So wurde schließlich ein neues Kapitel im Leben der beiden aufgeschlagen. Es beginnt, wen könnte es noch überraschen, in den Hügeln der Südweststeiermark. Und dort in einem Gastgarten, in dem niemand sitzt außer einem Einheimischen.

„Sagen S’, wissen Sie hier in der Gegend ein einsames Grundstück, von dem aus man in die Welt blicken kann?“ Felix erinnert sich genau an seine Worte von damals, vor 22 Jahren. Und weiß auch noch, dass die Antwort des Mannes ein stummer Fingerzeig war. In Richtung eines Hügels, der gerade in der Abendsonne golden glänzte.

Es kam, wie es kommen musste. Felix und Fini machten die Grundbesitzerin, eine alte Dame aus Graz, ausfindig. „Und weil die Gegend hier damals noch nicht so bekannt und auch nicht so beliebt war, waren wir uns relativ schnell handelseinig“, erzählt Fini.

Was hatten die beiden bekehrten Globetrotter also erworben? Elf Hektar Land, von dem man einen traumhaften Ausblick bis zur Koralpe und nach Slowenien hat, und ein altes, verfallenes Kellerstöckl, dessen eine Seite sich schon zwei Meter abgesetzt hatte. Dennoch sollte ihnen ihr Anwesen bald zur zweiten Heimat werden.

Blenden wir in die Gegenwart. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben dem Ehepaar eine neue Leidenschaft gebracht: das Sammeln alter Bausubstanz, und da im Speziellen Häuser im weststeirischen Stil. „Wann immer wir ein verfallenes Objekt erwerben konnten, haben wir es gekauft und mit seinen noch brauchbaren Bestandteilen wieder neu aufgebaut“, sagt Felix. Mehrere solcher Gebäude bilden heute auf ihrem Grundstück eine Art Weiler, die kleine Ansiedlung ist Zeugnis dessen, was früher Lebensort der Menschen war. Und in jedem dieser Gebäude haben sich die Sammler, Freizeitphilosophen und Kulturliebhaber ein bisschen verwirklicht.

Das Alte aus der Heimat bewahren

Das Haupthaus, von dem wir Ihnen hier die wunderbaren Bilder zeigen, wird an den Wochenenden und wann immer es die Zeit erlaubt bewohnt. Hier sitzen wir nun auf der Veranda, und der Hausherr erklärt uns, warum neben Sammelstücken aus der ganzen Welt auch so viele aus der steirischen Heimat ihren Platz gefunden haben.

„Weil es keine lebenswerte Gegenwart und keine Zukunft ohne Wertschätzung der Vergangenheit geben kann.“ 

Felix hat sich sogar einmal ausgerechnet, dass sie hier sicher einen großen Lkw samt Anhänger voll mit schönen alten, aber auch zeitgemäßen Sachen einen neuen Platz gegeben haben. „Früher sind wir in die Welt gereist und haben von überall etwas mitgebracht. Heute konzentriere ich mich mehr auf die Sachen, die die Alten hier zu Hause achtlos wegwerfen, und gebe ihnen eine spannende neue Form der Nachhaltigkeit“, erzählt Felix.

Warum die Leute sich so leicht von alten Schätzen trennen, ist dem Hausherrn völlig klar: zu viel Zeugnis aus Zeiten, die voller Entbehrungen waren, die zu sehr an Krieg und Not erinnern. „Sie möchten lieber zeigen, dass sie es geschafft haben, damals nach dem Krieg. Da sind alte Töpfe, Häferln und Bilder als Identität nicht mehr so gefragt gewesen.“ Was Felix allerdings freut: „Langsam ändert sich das Bewusstsein der Menschen wieder.“ Für ihn bleibt dennoch genug zum Hamstern über. Seit Jahren tingelt er nun schon mit seiner Fini von einem Fetzenmarkt zum nächsten und findet dort immer was: einen Herd, Türen, Möbel und jede Menge Geschirr zum Beispiel. Wie ein Rundgang durchs Haupthaus zeigt, verbindet sich das alles auch noch ganz hervorragend mit dem modernen Inventar.

Detto im Atelier. In diesem ebenfalls „geretteten“ Haus bestrahlen etwa Neonlicht- Kunstwerke einen alten Spieltisch aus der Steiermark. Fini, die als Ausgleich zu ihrer Arbeit als Medizinerin sehr gern kreativ tätig ist, werkelt hier mit allem, woraus sich schöne Dinge fertigen lassen.

Hunderte Pappeln als Geschenk 

Und noch ein Gebäude schauen wir uns an. Im Stadel trocknen Lavendel und andere Kräuter aus dem Garten – es riecht fantastisch. „Es ist schön, diese bäuerliche Architektur vor dem Verfall zu bewahren. Sie erzählt schließlich von einer wunderbaren, vielleicht bald vergessenen Kultur“, sagt Felix voller Freude.

Stolz kann er auch auf das Geschenk sein, das er gemeinsam mit Freunden der Gemeinde gemacht hat: hunderte Pappeln. „Jede Gegend hat ihre Besonderheiten. Wenn man durch die Toskana fährt, sind es die Zypressen. Die würden auch hier wunderbar herpassen, wachsen in der Gegend aber nicht so gut, deshalb haben wir uns für Pappeln entschieden. Sie sollen unserer Heimat eine besondere Note geben“, sagt Felix. Mittlerweile sind sie wirklich ein kleines Aushängeschild der Region, ebenso wie in der benachbarten Südsteiermark, wo sie bereits seit längerem gehegt und gepflegt werden.

Was uns wieder an den Anfang führt: Wer die Welt gesehen hat, bringt in die Heimat den richtigen Geist mit und hilft, sie zu erhalten.

So wird's gemacht: Fetzenmärkte als Fundgrube

Ob Ofen oder Häferln – Felix und Fini haben einen Großteil ihrer alten Einrichtungsgegenstände auf Fetzenmärkten (steirisch für Flohmärkte) erstanden. Als berühmtesten können sie den Grazer Fetzenmarkt empfehlen, auch Portiunkulamarkt (lat. für „kleiner Flecken Land“) genannt. Er ist eine echte steirische „Spezialität“, Menschen aus ganz Österreich und sogar aus dem Ausland schauen sich hier in der Fröhlichgasse auf dem Parkplatz der Grazer Messe um.

Infos unter: www.flohmarkt-termine.at

„Bei der Verwirklichung unseres Traumes haben uns auch drei Firmen geholfen“, sagt Felix. Das Greißlermuseum von Andreas Brunner (www.antik-brunner.at) in Schwanberg, die Firma Antikes der Familie Flucher (www.antikes-flucher.at) in Tillmitsch. Und Alexander Kossär mit seinem Baumarkt Antiqua (www.baumarkt-antiqua.at) in Graz.

Dieser Hausbesuch erschien in Servus in Stadt & Land im November 2015.

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