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Im Rhythmus des Waldes: Was wir von den Holzknechten lernen können

Die Geschichte der Holzerei prägt Ruhpolding bis heute. Ein Streifzug durch die Bergwälder – und durch ein Museum, das sie lebendig erzählt.

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Ruhpoldinger Bergwald
Foto: Ruhpolding Tourismus / Andreas Plenk
Ruhpoldinger Bergwald

Der Klang des Waldes

Ein paar Schritte in den Wald genügen, und der Kopf wird leiser, der Puls ruhiger. Man hört Wind in den Fichten, das Plätschern eines Bachs, vielleicht Kuhglocken in der Ferne. Genau das zieht heute viele Menschen in die Wälder rund um Ruhpolding: dieser andere Rhythmus, den man im täglichen Trubel oft übertönt.

Vor gut hundert Jahren klang es hier ganz anders: Axtschläge, krachende Stämme, Zurufe zwischen den Steilhängen. Hier arbeiteten die Holzknechte – ein Beruf, den es in Ruhpolding bis heute gibt, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Aus dem Holzknecht ist der Forstwirt geworden, aus Axt und Zugschlitten Motorsäge, Seilkran und Harvester. Geblieben ist der genaue Blick für den Takt des Waldes.

Zwischen Axt und Achtsamkeit

Über Jahrhunderte lieferten die Holzknechte das Holz für die Saline Traunstein, wo aus der Sole von Bad Reichenhall Salz gewonnen wurde – damals einer der wertvollsten Rohstoffe der Region. Wochenlang lebten die Männer hoch oben im Wald, in einfachen Hütten oder provisorischen Rindenkobeln aus Fichtenstangen und Baumrinde. Gefällt wurde vor allem im Winter. Das Holz war dann trocken und der gefrorene Boden erleichterte den Transport ins Tal. War der Weg zur eigenen Hütte zu weit, übernachteten die Männer einfach im Rindenkobel – karg, aber praktisch.

Romantisch war daran nichts. Diese Arbeitsweise war schlicht die effizienteste Methode, die es damals gab. Bezahlt wurden die Holzknechte lange Zeit schlecht, als Tagelöhner ohne festen Vertrag. Wer die Bedingungen im Wald ignorierte, riskierte sein Leben oder verschwendete Wochen an Arbeit. Wer sie kannte, sparte sich am Ende viel Kraft – eine ziemlich moderne Erkenntnis für einen Beruf, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Seine Achtsamkeit gegenüber der Natur wirkt aber bis heute nach, auch in der Art, wie rund um Ruhpolding Wald bewirtschaftet wird.

Wie hart und zugleich erfüllend dieses Leben sein konnte, erzählt Anton Geierstanger. Mitte der 1950er-Jahre fand er mit 14 Jahren als einer der wenigen jungen Männer im Ort eine Stelle beim Forstamt. Lehrstellen waren rar, die meisten Burschen gingen damals bei einem Bauern in Dienst. Weil er sich bewährte, bekam er zwei Jahre später einen Lehrvertrag: Für einen Holzknecht eine besondere Auszeichnung, denn der Beruf genoss in Ruhpolding hohes Ansehen. Geierstanger lebte wochenlang mit seiner Partie im Wald, kochte sich abends sein Essen selbst und brachte im Winter die Stämme mit dem Zugschlitten zu Tal – eine gefährliche Arbeit, die erst mit dem Bau der ersten Forststraßen 1965 endete. Trotz aller Entbehrungen sagt der heute 86-Jährige, er habe nie etwas anderes machen wollen. Für ihn war es, mit seinen eigenen Worten, "der schönste Beruf der Welt".

  • Gut zu wissen: Der Berufsstand lebt weiter. Im Ruhpoldinger Ortsteil Laubau bildet das Forstliche Bildungszentrum seit 1938 Forstwirtinnen und Forstwirte aus.

Anton Geierstanger
Foto: Ruhpolding Tourismus / Andreas Plenk
Anton Geierstanger war Holzknecht mit Leib und Seele.
„Ich hatte den schönsten Beruf der Welt.“
Anton Geierstanger

Das Holzknechtmuseum: eine multimediale Zeitreise

Wer tiefer in diese Geschichte eintauchen möchte, findet südlich von Ruhpolding, direkt an der Deutschen Alpenstraße, einen besonderen Ort: das Holzknechtmuseum. Auf dem rund 30.000 Quadratmeter großen Freigelände stehen originale Holzknechthütten, die einst in den umliegenden Bergwäldern errichtet und hier sorgfältig wieder aufgebaut wurden. Zwischen Rindenkobel, Holzschlitten und historischen Werkzeugen entsteht ein anschauliches Bild davon, wie die Männer lebten und arbeiteten.

Seit der Neugestaltung 2021 erzählt die Dauerausstellung im Museumsgebäude die 400-jährige Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Waldarbeit auf multimediale und interaktive Weise. Besonders spannend ist der Blick auf den Wandel: vom einfachen Handwerk mit Axt und Säge über motorisierte Seilwinden, die den Holztransport im Steilgelände erleichterten, bis hin zum modernen Harvester. An einem Simulator können Besucher diese große Holzerntemaschine sogar selbst steuern – und bekommen dabei schnell eine Vorstellung davon, wie viel Geschick und körperliche Arbeit früher hinter jedem einzelnen Baumstamm steckte.

Dass das Museum Geschichte nicht nur bewahrt, sondern lebendig erzählt, wurde 2023 mit dem Bayerischen Museumspreis ausgezeichnet – einer der wichtigsten Museumspreise Deutschlands.

  • Gut zu wissen: Das Holzknechtmuseum liegt in einem Schutzwaldgebiet. Beim Forstbetrieb Ruhpolding sind rund 70 Prozent der Wälder als Schutzwald ausgewiesen – ein bayernweiter Spitzenwert. Solche Wälder bewahren die Hänge vor Lawinen, Steinschlag und Erdrutschen. Die moderne Forstwirtschaft rund um Ruhpolding pflegt diese Wälder nach einem ähnlichen Prinzip wie damals die Holzknechte: Nichts wird dem Wald entnommen, ohne dass er sich davon wieder erholen kann. Wer das einmal verstanden hat, blickt anders auf jeden Wald, durch den man später geht.

Im Holzknechtmuseum wartet eine multimediale Zeitreise durch die Arbeitswelt im Bergwald.

Auf den Spuren der Holzknechte wandern

Am schönsten endet die Reise in die Vergangenheit dort, wo sie begonnen hat: draußen zwischen den Bäumen. Von Ruhpolding aus führen zahlreiche Wanderwege in jene Bergwälder, in denen einst die Holzknechte arbeiteten.

Einer davon ist der Bergwalderlebnispfad ins Röthelmoos. Vom Wanderparkplatz Urschlau geht es auf einer leichten Runde über die Öfen bis zum sonnigen Hochmoor der Röthelmoosalmen, mitten im Naturschutzgebiet. Gut siebeneinhalb Kilometer sind es insgesamt, wer mag, erreicht das Gebiet aber auch bequem über die Schotterstraße. Unterwegs laden zwei bewirtschaftete Almen zur Einkehr ein.

Ein besonderer Tipp für Familien ist die Märchenwaldwanderung oberhalb von Brand. Sie führt durch ein moosbewachsenes, geheimnisvolles Waldstück mit kleinen Grotten und Höhlen und lässt sich gut mit einem Besuch im angrenzenden Freizeitpark verbinden.

Vom Erlebnispfad bis ins Märchenreich – die Wälder in Ruhpolding halten für Klein und Groß einiges bereit.

Ob auf dem Erlebnispfad oder zwischen den Grotten des Märchenwalds: Wer hier durch den Wald geht, spürt schnell, warum Menschen seit jeher Kraft aus ihm schöpfen.

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