Ausblick, See, Natur, Fenster, Hausbesuch, Servus, Wolfgangsee
Foto: Magdalena Lepka

Ein Gehöft am Wolfgangsee

Die Friedrichs erfüllten sich am Wolfgangsee ihren Lebenstraum. Seit Jahren renovieren sie dort ein altes, lichtdurchflutetes Gehöft. Ein Bauernhaus mit viel Geschichte, einem amourösen Kaiser-Kasten – und der täglichen Erkenntnis: Fertig wirst du nie.
Text: Jonny Stühlinger, Fotos: Magdalena Lepka

An einem längst vergangenen Tag, Anfang des 19. Jahrhunderts. Dort, beim Seetor-Haus. Es ist laut, es wird gestritten, gestikuliert und verhandelt. Es geht um Geld, um Maut, um Macht. Vor allem aber darum, dass das Eisen aus dem obersteirischen Eisenerz endlich entladen wird. Damit das Holz aus dem Mondseeland zeitgerecht verschifft werden kann – ans andere Ende des Abersees. Doch davon bekommen gegenüber die Gäste im Gasthaus zur Sonne nichts mit. In der lichtdurchfluteten Stube ist alles eitel Wonne. Denn „dieser Ort war immer schon ein ruhiger, ein besonderer“, wissen Christa und Günther Friedrich, die heutigen Besitzer des ehemaligen Wirtshauses.

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Heute gibt’s das Seetor-Haus, die alte Mautsperre, nicht mehr. Auch heißt der Abersee längst Wolfgangsee und Eisen sowie Holz finden inzwischen andere Wege an andere Orte. Nur das ehemalige Gasthaus zur Sonne steht noch – schmiegt sich unerschrocken an den kleinen Hang wenige Meter vom Seeufer entfernt. Fast genauso wie im Jahr 1652, als es errichtet wurde. Allein, heute wird hier keiner mehr bewirtet.

Der Kachelofen ist das Herzstück

Es ist tiefster Winter, die Dachgiebel tragen dicke, weiße Hauben und über das asphalt-schwarze Wasser des Sees wabern dicke Nebelschwaden. Abwechselnd seufzt einer der schweren Trame, die das alte Holzhaus tragen. Romantik in Großbuchstaben. Und um den Kachelofen in der Stube sitzen die Friedrichs bei einem Glas naturtrübem Apfelsaft. „Selbst gemacht“, sagt Günther und deutet bedächtig durch eines der großen Fenster in den verschneiten Garten. „Drei Apfelbäume haben wir. Macht 150 Kilo Äpfel – macht 70 Liter Saft.“ Dann lächelt er und lehnt sich friedlich an die warmen grünen Kacheln mit den Jagdmotiven drauf.

200 Jahre ist er alt, der Kachelofen, und er hat, wie so ziemlich alles in diesem Haus, eine eigene Geschichte. „Er stand damals im Ruderklub von St. Gilgen“, erinnert sich Christa. Schon als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, wollte sie dieses besondere Stück. „Aber ich konnte ja nicht einfach fragen ...“ Schließlich kam der Tag, als der Ruderklub neu gebaut wurde, und man trat an sie heran: „Wollen Sie nicht unseren alten Kachelofen haben?“ Sie wollte.

Kochen mit Holz, wohliges Wohnzimmer und eine heilige Decke.

Ein Kasten mit Geschichte

Heute ist er das Herz des Hauses. Strahlt seine intensive Wärme in die große rustikal-moderne Wohnstube und gibt damit den kantigen alten Möbeln und den starken Bildern von Professor Alfred Gerstenbrand etwas Weiches, Ruhiges. Gegenüber ein alter Schrank mit Intarsienarbeiten. Dahinter, dort, wo einst der Stammtisch des Wirtshauses stand, ein großer Glastisch, dessen Platte auf einer alten Werkbank ruht. „Hab ich selbst gemacht“, raunt Herr Friedrich stolz. Daneben – ein Kleiderkasten, von dem es tatsächlich heißt, darin habe sich einmal der Kaiser versteckt. Weil: Das gute Stück stammt aus dem Nachlass von Baron Anton Kiss. Der war der Sohn von Katharina Schratt. Und die war eine Freundin von Kaiser Franz Joseph. Und man weiß ja nie so genau … Ein paar Blicke weiter ein 250 Jahre altes Olivenölgefäß aus Ton, mit der Fähre aus Griechenland geschmuggelt. Die Friedrichs reisen gern und nehmen von jeder Reise etwas mit nach Hause.

Die Decke des Fürsten Wrede

Einen Stock über der Stube wacht der Heilige Geist über die Friedrichs. Dieser schwebt direkt über dem Schreibtisch, von einer wunderschönen, 150 Jahre alten vertäfelten Decke herab. Er glänzt golden und silbrig und ist nichts anderes als eine geschnitzte und mit Edelmetall überzogene Friedenstaube – natürlich Geschichte inklusive: Der bayrische Feldmarschall Carl Philipp Fürst von Wrede war es, der einst das Mondseeland von Napoleon für seine Dienste in dessen Armee geschenkt bekommen hatte. Also erbaute der noble Fürst Mitte des 19. Jahrhunderts das Schloss Hüttenstein über dem Wolfgangsee. Um den Bau verfolgen zu können, benötigte er eine Art Gästezimmer. Dieses fand der Edelmann auch – eben in jenem Haus, in dem heute die Familie Friedrich wohnt. Er ließ in sein neues Gemach diese Decke einziehen, um standesgemäß ruhen zu können.

Jene Ruhe, die das alte Gemäuer bis heute ausstrahlt, rührt jedoch von ganz woandersher. „Sie kommt von der Sonne“, sind die Besitzer überzeugt. Schließlich wurde das ehemalige Bauernhaus am hellsten Flecken von St. Gilgen errichtet. „Hier“, so Christa, „hat man bis zur letzten Sekunde des Tages Licht.“ Deshalb haben schon die Erbauer des Gehöfts peinlichst darauf geachtet, jeden möglichen Millimeter mit Fenstern zu versehen. Fast wirkt es, als würde die dem Wolfgangsee zugewandte Seite mehr aus Fenstern denn aus Mauer bestehen. Günther: „Damals haben die Menschen halt wirklich noch gespürt, wo man ein Haus baut.“ Das hat den Friedrichs übrigens, als sie nach dem Kauf 1988 vor zehn Jahren endlich anfangen konnten, das Gehöft zu renovieren, auch ein Rutengeher bestätigt. Der spazierte bei der Tür herein und sagte nur: „Da kann ich gleich wieder gehen. Da spür ich, da passt alles.“

Im Haus von Familie Friedrich am Wolfgangsee hat jedes Stück eine Geschichte.

Mit vereinten Kräften geht’s besser

Doch das konnte damals wohl nur ein Erdstrahlensucher sagen. Denn was auf die Familie Friedrich in den darauffolgenden Jahren zukam, war alles andere als eine reibungslose Renovierung. Die alten Mauern pitschnass. Die Raumaufteilung unmöglich. Der Mörtel – er bröckelte aus allen Ecken und Fugen. „Unsere Freunde haben damals trocken gesagt: Reißts den Schupfen nieder und bauts neu“, erinnert sich Günther Friedrich. Doch das kam für den Unternehmensberater und die Volksschullehrerin nicht einmal infrage. Vielmehr wurden die familiären Kräfte gebündelt. Die Friedrichs samt ihren Buben packten an. Geplant hat den Umbau übrigens Christa Friedrich selbst. „Ich wollte eigentlich Architektin werden, aber das hat seinerzeit nicht geklappt“, erzählt die 55-Jährige. Ihrer Leidenschaft zu gestalten tat dies aber keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Sie baute erst das angrenzende Gästehaus zum Appartementhaus um und wagte sich dann ohne Scheu ans Haupthaus.

„Wir haben dieses Großprojekt immer als Altersvorsorge gesehen“, sagt die Hausherrin. Deshalb wurde ein Teil des Anwesens für Urlauber adaptiert. „Aber heute
ist es eher so, dass wir mit unseren Gästen Freundschaften pflegen und der finanzielle Aspekt weit hinten kommt.“

Die Begegnungen mit Menschen, die die Kraft dieses Sonnenfleckchens zu schätzen wissen, seien es wiederum, die den Friedrichs die Energie geben, an ihrem Lebensprojekt weiterzuwerken. Derzeit wird der ehemalige Eiskeller in einen Obst- und Weinkeller umgebaut. Darüber soll schon bald ein weiteres Appartement entstehen. „Nicht zum Vermieten, sondern als Gästezimmer für Freunde“, sagt Christa. Denn, wann immer bislang Freunde zu Besuch kamen, war natürlich keines der Appartements mehr frei – quasi Gastgebergesetz.

Hauptsache, es gibt kein Ende

Das Arbeitszimmer weicht bald einer gemütlichen Bibliothek – der schmucke Plafond des Fürsten Wrede passt dann noch besser ins Gesamtbild. Wenn all das erledigt ist, werden die Friedrichs gewiss noch weitere Ideen haben, um zu gestalten, um herzurichten, um zu erweitern. Schließlich ist die alte Drechslerei derzeit nur ein Lager, da könnte man vielleicht einmal ... egal.

Auf jeden Fall werden sich die beiden auch in Zukunft jedes Mal, wenn sie wieder ein Ziel erreicht haben, anstrahlen und sagen: „Der liebe Gott wollte einfach, dass dieses Haus zu uns kommt.“

Die Hausherrin hat ein Händchen für passende Deko.

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