Kleindenkmal, Brauchtum, Österreich, Oberösterreich, Die schöne Kathi
Foto: Peter Podpera

Kleindenkmäler in Österreich: Was Marterln bedeuten

So lieblich und klein sie in der Landschaft stehen, so schwer und traurig ist meist ihre Geschichte: Die mehr als 100.000 Kleindenkmäler Österreichs erzählen von gewonnenen Schlachten und verlorenen Kriegen, von familiären Fehden und vielem mehr.
Text: Michaela Ernst, Fotos: Peter Podpera

Um gleich einmal ein Missverständnis auszuräumen: Was wir - der aufmerksame Spaziergänger, der achtsame Autofahrer - als "Marterl" bezeichnen ist oft einfach nur ein Kleindenkmal. "Das Wort Marterl bezeichnet keinen Typus, es ist vielmehr eine Botschaft, die die Bedeutung des gebrachten Opfers darstellt", erklärt Brigitte Heilingbrunner, und an ihrer Stimme hört man dass sie dies nicht zum ersten Mal tut. Frau Heilingbrunner ist nämlich eine österreichische Autorität, wenn es um Kleindenkmäler geht. Sie ist die Ansprechperson, die vom Wiener Volkskundemuseum empfohlen wird.

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"Wir sind das Fußvolk des Wissenschafter", sagt sie augenzwinkernd. Und tatsächlich: Sie und ihre Kollegen - alle arbeiten ehrenamtlich - liefern mit ihrem fundierten Wissen über Kleindenkmäler oft wichtige historische Hinweise. Sie sagt: "Man kann anhand von Kleindenkmälern die Geschichte eines Ortes herauslesen."

Oberösterreich: Die schöne Kathi

In Marsbach bei Hofkirchen hat eine fesche Magd (Bild oben) allerhand Männern den Kopf verdreht: 1820 wurde „die schöne Kathi“ als uneheliches Kind geboren. Um versorgt zu sein, heiratet sie 25-jährig den Tagelöhner Jakob. Die Ehe ist ein Fiasko, sie betrügt ihn, brüllt ihn an, er schlägt sie. Eines Tages liegt er mit Arsen vergiftet im Bett. Dem Arzt, der erst im letzten Moment geholt wird, kann die Betörende weismachen, ihr Mann wäre an einer chronischen Magen-Darm-Entzündung gestorben. Das zuständige Landgericht auf Schloss Marsbach hat allerdings angesichts dieser Todesversion seine Zweifel und ordnet eine Exhumierung an, bei der Spuren von Arsen nachgewiesen werden. Als man der Angeklagten vorlügt, ihr Liebhaber wäre erschossen worden, bricht diese zusammen und gesteht.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Der Kriminalrichter, dem Kathi untersteht, verliebt sich in sie und sucht beim Kaiser um Gnade an. Der Regent lehnt ab, denn angeblich soll die schöne Kathi auch den armen Richter um den Verstand gebracht haben. Der Bildstock unter den drei Linden unweit des Skulpturenparks bei Hofkirchen erinnert bis heute an diese letzte öffentliche Hinrichtung im Mühlviertel.

Niederösterreich: Das Türkenkreuz

Die kaum noch lesbare Inschrift lautet: Der allerheiligsten Dreifaltigkeit zu Ehren und um Abwendung dieser Zeit gefährlichen Türkenkrieges unter der glorwürdigen Regierung des Papstes Alexander VII. und Kaiser Leopold I. auf den Grafen und Herrn Paul Sixt Trautson Graf zu Falkenstein des anderen dieses Namens, hat Herr Franz Georg Singer von Singermühl diese Gedächtnissäule aufbauen lassen. S. F. Gebirg Poysbrunn, im Jahre 1664. Singer war von 1651 bis 1664 Verwalter zu Poysbrunn und hat das aus Sandstein bestehende Türkenkreuz gegen Ende seiner Amtszeit auf dem Triftberg aufstellen lassen.

Mehr als 200 Jahre lang lebte die Bevölkerung des Weinviertels in ständiger Angst, die Türken könnten über sie herfallen. Immer wieder drangen Erzählungen zu ihnen, wie schrecklich die Osmanen in der Oststeiermark und in Teilen Niederösterreichs gewütet hätten. Daher die zahlreichen Türkensäulen im Weinviertel. Sie wurden aus Dankbarkeit errichtet, weil man verschont geblieben war.

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Foto: Peter Podpera
Das Türkenkreuz im Weinviertel

Niederösterreich: Urlaubergruppe

So vielversprechend dieser Titel klingt, so wenig sagt er über die tatsächliche Bedeutung dieser Kleindenkmalform aus: Denn mit Ferien hat diese Urlaubergruppe nichts zu tun, dafür sehr viel mit Freiheit, Gerechtigkeit, Glück und Abschiednehmen. Hatte eine bestimmte Region keine eigene Gerichtsbarkeit, musste der Delinquent in das nächstangrenzende Herrschaftsgebiet überstellt werden. Die Übergabe an den Richter wurde für eine bestimmte Zeit an einem bestimmten Ort vereinbart, an dem das nächste „Urlauberkreuz“ stand. Erschien Justitias Gesandter nicht, wurde der Verbrecher in die Freiheit entlassen – außer es handelte sich um Mord, da wurde natürlich ein neuer Termin vereinbart.

Das Hauptmotiv dieser „Urlaubergruppen“ ist übrigens der Abschied Jesu von Maria, bevor sich dieser auf den Leidensweg begibt. Dieses besonders schöne Exemplar steht auf der Schnellstraße LH 30, die von Stockerau nach Sierndorf führt.

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Foto: Peter Podpera
Urlaubergruppe zwischen Stockerau nach Sierndorf

Tirol: Die Rosenkranzbildstöcke

Fünfzehn Bildstöcke schmückten einst die Haller Straße zwischen Innsbruck und Hall, heute sind es nur mehr acht. Sie werden der Renaissance zugeordnet und stellen den freudenreichen Rosenkranz, den glorreichen Rosenkranz und den schmerzensreichen Rosenkranz dar. Letzterer, in den Nachkriegsjahren des vorigen Jahrhunderts von dem berühmten Tiroler Maler Max Weiler renoviert, zeigt unter anderem die Motive der Auferstehung, Christi Himmelfahrt und den Heiligen Geist. Die anderen beiden Zyklen gestalteten die Künstler Walter Honeder und Helmut Rehm.

Ursprünglich gestiftet wurden die viereckigen religiösen Kleindenkmäler von Erzherzog Ferdinand II. und seiner Gemahlin Anna Katharina Gonzaga, die bei ihren Tiroler Spaziergängen den Rosenkranz zu beten pflegten. Die Bildstöcke zierten den Weg von Mühlau durch die bewaldete Haller Au zur Lorettokapelle. Unter Maria Theresia wurden die Bildsäulen an ihre heutigen Plätze überstellt.

Rosenkranzbildstöcke in Tirol

Oberösterreich: Der Kapeller Lochstein

Der Achtung vor dem Besonderen ist es zu verdan- ken, dass es im Raum Oberösterreich noch relativ viele Lochsteine gibt. Man geht davon aus, dass sie eine eigene Form des Grenzsteins darstellen – durch das Loch konnte ein Balken gezogen werden, der dem Wanderer die Richtung zum nächsten Markierungspunkt zeigte.

Lochsteine konnten aber auch einen kultischen Hintergrund gehabt haben. In manchen Regionen galten sie als „Seelenlöcher“, die vor Grabmalen aufgestellt waren. Das Loch im Stein sollte dem Verstorbenen ermöglichen, in den Himmel aufzusteigen. Eine weitere Interpretation: Das Loch diente dazu, den Wettergöttern Opfer darzubringen.

In dem kleinen Schacht wurden Getreidekörner, Beeren, andere Früchte oder Brotkrumen hinterlegt. Lochsteine könnten auch als Visier beziehungswei- se der Beobachtung von Sternenbahnen gedient haben. Dieses Prachtexemplar aus Rainbach bei Kerschbaum dürfte allerdings ein Grenzstein gewesen sein – darauf deuten die gemeißelten Zeichen wie die Pflugschere und das Kreuz hin.

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Foto: Peter Podpera
Kapeller Lochstein in Oberösterreich

Steiermark: Das Wassermannkreuz

Vor allem in der Südsteiermark sind bei Kastenkreuzen meistens Blumengirlanden rund um das Kruzifix beziehungsweise den Gekreuzigten gewickelt. Das Wassermannkreuz steht neben einem großen alten Bauernhof unter einer 150-jährigen Ulme auf dem Weg von Fallegg bei Greisdorf, der zum Reinischkogel führt. Benannt ist es nach den Besitzern des Anwesens, die es aus Dankbarkeit errichteten: Im Jahr 1959 war ein kleines Kind der Familie bei einem Traktorunfall auf dem Feld unverletzt geblieben.

Außergewöhnlich für die Gegend: Der Korpus des Gekreuzigten ist mit vier Nägeln befestigt („Viernageltypus“) – üblicherweise werden nicht mehr als drei eingesetzt. Typisch hingegen ist die Gestaltung der Figur: Haupt- und Barthaare wurden mit brauner Farbe bemalt, der Korpus mit beiger, der Lendenschurz mit hellblauer. Die Bretter der Rückwand sind strahlenförmig angeordnet. Besonders schön: Das Satteldach weist eine doppelte Giebelverblendung auf.

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Foto: Peter Podpera
Das Wassermannkreuz in der Steiermark
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