Weben mit Seele: Markus Frenes und über 60 Jahre Textilhandwerk in Bruneck
In Bruneck webt Markus Frenes seit 2004 an der Geschichte der Textilmanufaktur Ulbrich weiter – mit reinen Naturfasern und der Überzeugung, dass ehrliches Handwerk eine Zukunft hat.
Wie alles begann
1908. Ein Mann verlässt das Sudetenland – damals die Hochburg der europäischen Textilindustrie – und bringt sein Handwerk nach Südtirol. Herr Ulbrich gründet in Bruneck eine Weberei, baut sich einen Ruf auf, der weit über die Region hinausgeht. Weit genug, dass seine edlen Baumwoll- und Leinenstoffe bis ins russische Zarenhaus und an das belgische Königshaus geliefert werden. Dann kommt das Ende. Herr Ulbrichs einziger Sohn desertiert nach Österreich und kann nicht zurückkehren. Als der Vater stirbt, verkauft der Sohn die Firma. Was wie ein Abschluss wirkt, ist für die Weberei Ulbrich nur eine Unterbrechung.
Ein Rohstoff mit Seele
1964 kauft Bruno Frenes, ausgebildeter Textilingenieur mit Arbeitserfahrung in Deutschland, die Firma in Bruneck. Er modernisiert: Die alten Handwebstühle weichen mechanischen, die Produktion steigt, die Märkte in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz werden beliefert. Zwei Dinge ändert Bruno Frenes jedoch nicht: den Namen Ulbrich, der in Bruneck längst für Qualität steht, und die Rohstoffe. Reine Leinen- und Baumwollstoffe, reine Naturfasern – denn diese, so war Vater Frenes überzeugt, „haben eine Seele.“
Das Handwerk in die Wiege gelegt
„Ja, das Handwerk des Webens wurde mir in die Wiege gelegt, das kann ich nicht leugnen“, schmunzelt Markus Frenes. Ob er einmal in den Betrieb einsteigen würde, stand für ihn nie zur Debatte – nur das Wann. Nach der Textilfachschule in Deutschland folgt 2004 die Übernahme vom Vater.
Heute beschäftigt die Textilmanufaktur Ulbrich zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Bruneck und betreibt zwei Verkaufsläden. Ein wichtiges Standbein sind nach wie vor Tischtücher nach Maß – mit traditionellen, modernen oder personalisierten Mustern für Privatpersonen, Hotellerie und Gastronomie. Die Nachfrage gründet auf der Qualität der Stoffe: hochwertig, strapazierfähig, langlebig. An der Philosophie des Vaters rüttelt Markus Frenes nicht: „Die Naturfaser hat ganz besondere Eigenschaften, die wir nutzen wollen. Synthetische Stoffe kommen für uns nicht infrage. Ich denke, das ist eine Einstellungssache.“
Man braucht die Passion und die Freude, spezielle Dinge zu machen. Nur so lebt das Handwerk weiter.Markus Frenes
Bergwiesenheu aus dem Passeiertal
Vor einigen Jahren tritt ein Bauer aus dem Passeiertal in das Leben von Markus Frenes. Er ist zu diesem Zeitpunkt der erste und einzige Bauer im gesamten Tal mit biozertifiziertem Bergwiesenheu – und er sucht Kissenhüllen aus reinen Naturstoffen für sein ebenso reines Heu. Die Kooperation entsteht auf Anhieb. „Ein wertvolles Naturprodukt wie Bergwiesenheu, Zirbenspäne oder Lavendel braucht eine reine Naturfaser als Hülle. Für etwas anderes könnten wir nie Werbung machen“, sagt Markus Frenes.
Handwerk mit Zukunft
Der Textilmarkt ist schwierig, viele Betriebe haben in den vergangenen Jahren aufgegeben. Markus Frenes ist dennoch überzeugt, die Textilmanufaktur Ulbrich erfolgreich in die Zukunft führen zu können – und er beobachtet eine Veränderung in der Gesellschaft: „Vor einigen Jahren hat niemand gefragt, aus welchen Rohstoffen ein Produkt hergestellt wird, wie oder wo es produziert wird. Heute fragen uns die Leute im Geschäft. Sie wollen regional kaufen, legen großen Wert auf reine Naturfaser und schätzen unser ehrliches Handwerk.“
Was es dazu braucht, bringt er so auf den Punkt: „Man braucht die Passion und die Freude, spezielle Dinge zu machen. Nur so lebt das Handwerk weiter.“
Zur Werkstatt: www.ulbrich.it
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