Wohnen, Hausbesuch, Wohnzimmer
Foto: Harald Eisenberger

Ein Haus in Reith voller Geschichten

Die Wohnzimmerdecke war einst ein Tanzboden. Und den Stubenschrank kaufte das Ehepaar Schartner einer Anhalterin in Bad Goisern ab. Servus zu Gast in einem Haus in Reith bei Kitzbühel, in dem auch tausend Geschichten leben.
Text: Urusla Macher, Fotos: Harald Eisenberger

Es gibt Tage, an die erinnert man sich ein ganzes Leben lang gern zurück. Im Fall von Margit und Hermann Schartner war der 3. Dezember 1977 so einer. „Da sind wir hier eingezogen, an meinem Geburtstag“, erzählt die Hausherrin. „Und weil noch nicht alles fertig war, haben wir unten im Gästezimmer geschlafen. Ein Flascherl Piccolosekt aufgemacht, und weg waren wir – vor lauter müd ...“

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34 Jahre danach zaubert die Erinnerung ein sanftes Lächeln in ihr Gesicht, während sie eine köstliche Schwammerlsauce mit Serviettenknödel kredenzt. Wir sitzen an diesem herrlichen Wintertag auf der Terrasse vor dem Haus und können direkt spüren, wie die Wärme von drinnen nach draußen strömt. Dazu werden Anekdoten serviert, ganz viele schöne, jede für sich einzigartig und spannend.

Zwischen Geisern und Gmunden

So richtig spürbar wird die Geschichte des Hauses aber erst dann, wenn man ins Innere gelangt, durch die massive Eingangstür, die einst eine alte Wirtshaustür war. Die stammt aus dem Jahr 1636 und kam – wie so vieles – durch Zufall in den Besitz der Familie. „Wir hatten uns schon damit abgefunden, eine nicht recht zum Haus passende Türumrandung einzubauen, bis ein Bekannter anrief und uns eine Türe samt Steinbogen angeboten hat. Waren wir glücklich“, lacht der Hausherr, während er uns in die Osttiroler Stube führt, den gemütlichen Essplatz der Familie.

Gemütlichkeit in der Stube und Geschichte Treppenhaus.

Dort steht übrigens auch einer von „gut zehn“ Bauernschränken, und zwar jener, der wohl am umständlichsten zu bekommen war. „Ich hab in Bad Goisern eine alte Frau mitgenommen, die Auto gestoppt hat“, erzählt der ehemalige Rennleiter bei der Skifirma Fischer schmunzelnd. „Auf ihrem Hof hat’s mir dann den Kasten gezeigt, der ein Traum war, aber leider dem Arzt versprochen. Ein wenig später sind wir wieder dort vorbei, haben hingeschaut auf den Bauernhof – und der Kasten war noch da. Also hat sie ihn uns verkauft.“

Auch die Reaktion des Arztes, der das Stück ein halbes Jahr später abholen wollte, ist überliefert. „Fuchsteufelswild war der.“

Ein anderer Schrank wiederum wurde den Schartners regelrecht aufgedrängt, als sie in Gmunden ihr Auto mit Möbeln beladen haben. Hermann: „Da ist plötzlich ein Mann zu mir hergekommen und hat gemeint, ob ich Verwendung für einen weiteren Kasten hätte, weil er keinen Platz mehr hat.“ Natürlich hatte er.

Holz vom Boden über die Wände bis zur Decke.

In Gehöft auf Wanderschaft

Angesichts solcher Erzählungen – und auch der damit verbundenen Freude der Erzähler – wird schnell klar, dass dieses Haus ein erfüllter Lebenstraum ist. Auch wenn die Umsetzung eigentlich an einem anderen Platzerl geplant gewesen war – in Zell am See, Schladming oder im Salzkammergut. Allein, „wir haben einfach nix G’scheits gefunden“, erklärt der Hausherr. „Entweder waren die Häuser desolat, oder sie hatten keinen Grund dabei.“ Irgendwann sei man im Gespräch mit einem befreundeten Notar auf Kitzbühel und Umgebung gekommen – und bald auf dem heutigen Grundstück gelandet.

Man kann es Zufall nennen, Glück der Tüchtigen klingt sympathischer und ist im Fall des Ehepaars auch zutreffender, weil es ihnen im Laufe ihres Lebens gleich mehrmals widerfahren ist. Denn, so viel war den beiden klar: Das Fundament ihrer künftigen Bleibe sollte keinesfalls der Kompromiss, vielmehr Perfektion gepaart mit der Liebe zum Detail sein.

Deshalb steht auf der Anhöhe heute auch kein neu erbautes Haus, sondern ein altes Gehöft aus dem 17. Jahrhundert, das Hermann per Zufall in Ranshofen (OÖ) erspäht, gekauft und abgetragen hat. „Wir mussten also nur das Erdgeschoß neu machen, der Rest wurde aufgesetzt.“ Und zwar so behutsam wie möglich, galt es doch, das 240 Quadratmeter große Refugium dem Tiroler Stil im Unterland anzupassen. Deshalb führt heute auch der Balkon ums Eck.

Was nicht gepasst hat, wurde passend gemacht. „Wir haben das Haus generell ein bisserl um die Möbel herumgebaut“, schildert der Pensionist; das beste Beispiel dafür ist der mit seinen 49 Quadratmetern sehr geräumige Wohnsalon. Dass der so groß ist, liegt an der Decke, einem alten Innviertler Tanzboden, den man über einen Antiquitätenhändler erstanden hat. „Fragen S’ mich aber nicht, was das für eine Arbeit war, den abzubeizen – der war dreimal weiß gestrichen!“

Alte Stücke erzählen vom Flus bis ins Schlafzimmer Geschichten.

Während wir zu Besuch sind, dominiert die Farbe Blau im Salon. Zum einen, weil’s die Lieblingsfarbe der Hausherrin ist, zum anderen ein Indiz, dass Winter ist. Im Frühjahr und Herbst wird nämlich umdekoriert, im Sommer gibt’s weißes Leinen – „weil das die Farben draußen so schön hervorhebt“.

Vati, pass auf die Mutti auf!

Während das Jagen die Leidenschaft des Hausherrn ist – was zahlreiche Trophäen im Haus belegen –, gilt jene seiner Frau dem Sammeln. „Einer meiner beiden Söhne hat einmal zu meinem Mann gesagt: Vatl, du musst auf die Muttl aufpassen. Nicht, dass es kitschig wird“, lacht Margit, während unser Blick auf die vielen wunderbaren Porzellanstücke fällt, die sich im Laufe der Jahre angehäuft haben. Woher die kommen, will sie allerdings nicht verraten. Was selbstverständlich darauf schließen lässt, dass die Sammelleidenschaft trotz mehrerer Service-Serien noch lange nicht gestillt ist.

Wobei: Geschirr ist nicht alles. Auch bei alten Tischdecken oder Bettwäsche wird die Dame des Hauses gerne schwach. Und da wir thematisch jetzt schon im Schlafzimmer gelandet sind – auch da gibt’s ein paar Anekdoten zu erzählen. So stammt das Messingbett eigentlich aus Singapur, landete über Umwege im salzburgischen Lofer, wo es die Familie aufspürte. Jedoch in einem völlig anderen Zustand, als es heute im ersten Stock ihres Hauses steht. „Das Bett war viel zu hoch, wir mussten es kürzen.“

Drauf verzichten war nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde ein Thema, weil es durch gediegene Handarbeit und entzückende Details besticht, wie etwa Perlmutteinlagen am Fußteil. Zudem harmoniert es perfekt mit der Gunskirchner Hochzeitstruhe sowie dem Wäscheschrank, der noch den Namen einer früheren Besitzerin trägt: Elisabeth Oberhauser, die den Fichtenkasten anno dazumal als Mitgift bekommen hat.

Inzwischen hat Margit Apfelkuchen und Kaffee auf den Tisch gestellt. Beides duftet herrlich und wird auf wieder einem anderen Geschirr serviert als der Hauptgang zuvor, das hat sie übrigens „irgendwo in Frankreich“ gefunden. Und weil sie offenbar sehr viel Talent darin hat, Dinge, die sie sich in den Kopf gesetzt hat, auch zu machen, gibt es heute im Badezimmer auch jene portugiesischen Fliesen, die sie einst in einem Magazin erspäht hat. „Handbemalt und blau-weiß, natürlich haben sie mir sofort gefallen.“ Also wurde über die Zeitschrift der Händler ausgeforscht, der sie auch prompt via Deutschland angeliefert hat.

Die Hausherrin lehnt sich zufrieden zurück. Und vielleicht grübelt sie gerade in dem Moment, da alles erzählt ist, schon ein wenig darüber nach, welches Fundstück wohl das nächste sein wird. „Ein Haus muss wachsen“, sagt sie dann. „Und wenn man etwas ernsthaft sucht und will“, ergänzt ihr Mann, „dann schafft man das auch, davon bin ich überzeugt.“ Dieses Ehepaar ist der lebende Beweis dafür.

Dieser Hausbesuch erschien in Servus in Stadt & Land im Jänner 2012.

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