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Brauchtum

Die Hiata - Die Weinpolizei in der Teufelshaut

Weinhüter, sogenannte Hiata, gibt es seit dem Jahr 1340. Besonders gepflegt wird ihre Tradition in Perchtoldsdorf bei Wien. Anfangs machten sie mit Hiatahackln Jagd auf Traubendiebe, später bekam so mancher Schurke auch Sauborsten schmerzlich zu spüren.

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Foto: Peter Podpera
Trauben sind ein kostbares Gut, weshalb früher sogar ein Hüter eingestellt wurde, der sie während des Reifens gut bewachte.

Perchtoldsdorf bei Wien, ein sonnendurchfluteter Nachmittag. Mitten in den Weinbergen eine weiß getünchte Hütte, ein Hüterhäuschen, eines von sechs, die immer noch stehen in dieser Gegend. Kein Wasser, von Strom natürlich ganz zu schweigen. Im Erdgeschoß das Wohnzimmer, rund acht Quadratmeter groß. Ein Tisch, eine Holzbank, eine Kerze, kein Fenster. Nur die niedrige Tür, vor der neben einer Feuerstelle eine hohe Föhre thront. Gleich einem Maibaum, nur nicht geschmückt. Der Hiatabam.

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Und drinnen an der Wand ein Spiegel, der das Kerzenlicht reflektiert und den Raum in den Abendstunden so ein wenig heller erscheinen lässt. Die Wände tapeziert mit Tannenreisig, quasi eine natürliche Klimaanlage. Ist es heiß draußen, wird’s drinnen kühler. Und umgekehrt. Im Dachgiebel eine einfache Pritsche, das Bett. Mehr nicht, das war’s.

Draußen vor der Hütte posieren an diesem Nachmittag ein paar junge Männer in jener Hiatauniform, die sie im November, am ersten Sonntag nach St. Leonhard (6. November), beim traditionellen Hiataeinzug, dem ältesten Erntedankfest Österreichs, tragen werden.

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Foto: Peter Podpera
Mit Hut, Hiatahackl und „Ausweis“ – ihrem Anstecker – streiften die Weinhüter, die sehr spartanisch lebten, bis in die 1970er-Jahre durch die Weingärten.

Damenbesuch war strengstens verboten

Dieses Fest geht auf die Legende des Hiata Thomas zurück, der laut Aufzeichnungen im Jahre 1422 während seines Dienstes schwer verprügelt worden war, ehe er am Leonhardisonntag erstmals wieder in der Lage war, auf Krücken die Messe zu besuchen. Schwer vorstellbar, dass mit so einer Hütte als Basislager noch in den frühen 1970er-Jahren ein Hiata seinen Dienst versehen und während der Weinlese zwischen Ende August und Mitte November auch hier gewohnt hat. Unter Eid übrigens, denn sie mussten in etwa vom Jahre 1700 an vor dem Bürgermeister ein Treuegelöbnis ablegen, diese Hiata. Kein Damenbesuch, kein Alkoholgenuss, und schwangere Frauen durften nicht bestraft werden.

Ja, das war eine der Aufgaben der Hiata – Diebe ertappen und bestrafen, sprich: verprügeln und/oder in die Flucht schlagen. Notfalls mit Waffengewalt, im Idealfall aber schnappen und ausliefern. In Krems beispielsweise schon seit 1340, dort gab es die ersten, hier in Perchtoldsdorf kamen sie etwas später. Und auch in allen anderen Weinbaugebieten Österreichs gab es diese urtümliche Weinpolizei.

„Die einfachen Leute konnten sich damals keinen Wein leisten, wollten aber welchen trinken, also versuchten sie, Trauben in großen Mengen zu stehlen und den Wein irgendwie selber zu produzieren. Das war den Weinhauern natürlich ein Dorn im Auge“, erzählt Franz Distl, Obmann vom Perchtoldsdorfer Winzerverband. „Außerdem galt es, Tiere zu verscheuchen, die von den Trauben naschen wollten. Schweine, Rehe, Vögel und was sonst noch so lebte in der Gegend.“

Überwiegend waren es einfache Burschen aus ärmlichen Verhältnissen, die sich als Hiata bewarben. An das Gelöbnis, keine Schwangeren zu bestrafen, sollen sie sich übrigens stets gehalten haben. Was den Damenbesuch und den Alkohol betrifft, ist man sich da nicht ganz so sicher ...

Meist streiften die Hüter im Morgengrauen und in der Dämmerung durch die ihnen zugeteilten Weingärten. Ausgestattet mit einem Hiatahorn, mit dem sie sich mit ihren Kollegen in den angrenzenden Gebieten verständigen konnten, wenn Gefahr in Verzug war, später auch mit Feldstechern und bewaffnet mit dem Hiatahackl, einer Art Axt, im Laufe der Jahre auch mit einem Gewehr. „Scharfe Munition war natürlich verboten“, so Franz Distl, „also wurde statt mit Schrot mit Sauborsten geschossen. Und deren Wirkung war fatal. Ein Schuss in den Allerwertesten etwa fühlte sich an wie tausend heftige Nadelstiche gleichzeitig, und in der Folge entzündeten sich die Wunden. Da war Sitzen oft über Wochen so gut wie unmöglich.“ Tote soll es aber nie gegeben haben, zumindest nicht hier in der Gegend.

Wenn die Föhren wieder fallen

Untertags, wenn sich Diebe und Getier nicht getrauten, durch die Weingärten zu streifen, weil diese während der Lese voller Leben waren, da mischten sich die Hiata unter die Erntehelfer und bekamen hin und wieder auch etwas Brot und Speck ab. Auch Wein – wenngleich nicht offiziell.

Es gibt Gemälde aus jener Zeit in prächtigen Farben, die Erntehelfer und Hiata gemeinsam zeigen und das Geschehen nahezu idyllisch erscheinen lassen. Der Schein jedoch kann trügen. Mit eigener Nahrung hatten sich die Hiata schon im Vorfeld ihrer Tätigkeit einzudecken, denn während der Wochen in ihrem Revier war es ihnen untersagt, dieses zu verlassen, um im Ort etwas zu kaufen oder sich anderweitig zu vergnügen.

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Foto: Peter Podpera
In ihrer Uniform stellen die Burschen im November den Hütereinzug nach.

Der Lohn, das sogenannte Hutgeld, war ziemlich karg, wurde nach der Saison ausgezahlt und setzte sich aus dem Obolus zusammen, den die Weinhauer zu entrichten hatten und der sich an der Größe der jeweiligen Güter orientierte. Gekleidet waren die Hiata in einer Boachat, einer Jacke aus Leinen, später dann, so ab 1880 und dank Levi Strauss aus Jeansstoff, sowie einer Hose, der Teufelshaut, dicht gewebt und nahezu wasserundurchlässig. Dazu trugen die Hiata einen Hut und eine Plakette am Revers, quasi ihren „Ausweis“.

Am Montag nach dem Hiataeinzug schließlich wurden (und werden) die Föhren vor den Hütten wieder umgesägt. Aufgestellt werden sie traditionell Ende August – als Zeichen dafür, dass der Weingarten ab sofort bewacht und das Betreten verboten ist, was Dieben und Tieren zwischendurch freilich herzlich egal war.

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